Qualitätsmanagement in der Ausbildung zu neuen Gesundheitsberufen im österreichischen Wellnesstourismus
Diplomarbeit von Marina Steiner


Das zunehmende Gesundheitsbewusstsein stellt einen Megatrend mit dem Schwerpunkt Prävention dar, der die Gesamtbevölkerung umfasst, wodurch der Gesundheitstourismus zu den wertschöpfungsstärksten Tourismusformen zählt. Von dieser Entwicklung ausgehend stellt Marina Steiner folgende Fragestellungen in den Mittelpunkt ihrer Diplomarbeit:1)

Wie funktioniert der Arbeitsmarkt für Gesundheitsberufe im Tourismus?
Welche Gesundheitsberufe bzw. Qualifikationen werden in Zukunft nachgefragt werden?
Welche sind die wichtigsten Aspekte jeder Gesundheitsausbildung und sollten daher in Ausbildungsrichtlinien verankert sein?
Wie könnte man Qualitätsstandards für die Ausbildung zu neuen Gesundheitsberufen gewährleisten?

Mittels hermineutischer (Text auslegender, erklärender) Forschung werden Hintergrundinformationen, bestehende Erkenntnisse und Lösungsansätze gewonnen. Dazu kommt die empirische Untersuchung der Ausbildungsrichtlinien von Dach- und Berufsverbänden sowie Interessensvertretungen von neunzehn „Gesundheitsdienstleistungen" in Österreich, die hauptsächlich, wie Marina Steiner ausführt, im komplementärmedizinischen Bereich angesiedelt sind. Speziell wird dabei auf den Österreichischen Dachverband für Shiatsu (ÖDS) eingegangen, da dieser „in seinen Bemühungen um Qualität in der Ausbildung zum/r Shiatsu-PraktikerIn bereits maßgebliche Erfolge erzielt hat," Ergänzend wurden siebzehn Experteninterviews durchgeführt mit zwanzig Experten aus dem Bereich Gesundheitstourismus, Verbände, Ausbildung sowie österreichischem Gesundheitswesen und Medizin.
 

Gesundheitsverständnis

Im Jahr 1948 definierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Gesundheit als einen Zustand eines vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechlichkeit. Die Ottawa-Charta (1986) löste dieses krankheitsorientierte Verständnis von Gesundheit ab und stellte die Gesundheitsförderung an eine zentrale Stelle.2) Um körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erreichen, sind die Befriedigung individueller und sozialer Bedürfnisse, die Wahrnehmung von Wünschen und Hoffnungen als auch die Gestaltbarkeit der Umwelt erforderlich. Gesundheit wird nunmehr stark im Kontext der Lebenszusammenhänge gesehen.

Gesundheitsförderung, so die WHO, zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein hohes Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.3) Während Gesundheitsförderung damit mehr gesundheitspolitisch und gesellschaftsbezogen verstanden wird und sich mehr auf die damit verbundenen gesundheitsfördernden Ressourcen konzentriert, wird Prävention und das Vermeiden von Krankheiten in der aktuellen Diskussion eher medizinorientiert gesehen. Dabei werden drei Stufen der Prävention unterschieden:

Primärprävention fokussiert die Vermeidung von Krankheitsentstehung,
Sekundärprävention umfasst die Früherkennung von Krankheiten und
Tertiärprävention beinhaltet das Vorbeugen von Folgestörungen bereits bestehender Krankheiten und möglicher Rückfälle.

Das Konzept der Salutogenese nach Aaron Antonovsky wiederum verwirft die Klassifizierung von Menschen als gesund oder krank. Gesundheit und Krankheit bedeuten hier vielmehr Pole eines multidimensionalen Kontinuums, auf dem Menschen lokalisiert werden können. Wesentlich sind im salutogenetischen Verständnis jene Faktoren oder Ressourcen, die zu einer Bewegung in Richtung des gesunden Pols des Kontinuums beitragen.4)
 

Komplementär-, Alternativ-, Traditionelle und Ganzheitsmedizin

Zur Traditionellen Medizin zählt die WHO unter anderem die Traditonelle Chinesische Medizin, das indische Ayurveda und das arabische Unani sowie „Eingeborenen-Medizin“.5) Der Begriff umfasst dabei sowohl Arznei-Therapien mit Kräutern und Bestandteilen von Tieren oder Mineralien, als auch Akupunktur sowie manuelle und spirituelle Behandlungen. In Ländern, wo derartige Behandlungen nicht in das nationale Gesundheitssystem integriert sind, werden stattdessen die Begriffe „komplementäre“, „alternative“ oder „unkonventionelle“ Medizin verwendet.

historische japanische PostkarteKomplementärmedizin wird als Heilkunde mit Verfahren zur Diagnose oder Behandlung beziehungsweise Vorbeugung, die die konventionelle Medizin ergänzen, definiert, wohingegen der Begriff „Alternativmedizin“ eher auf eine Alternative zur Schulmedizin hinweist.6)

Die Komplementärmedizin hat sich in den letzten Jahren zu einem regelrechten Industriezweig entwickelt. Umfragen aus Österreich, der Schweiz und den USA belegen das wachsende Interesse der Menschen an komplementärmedizinischen, ganzheitlichen Behandlungen. In Deutschland spricht man von einem Drittel der gesamten finanziellen Ausgaben für medizinische Diagnose und Therapie, das der Komplementärmedizin zukommt. Als Gründe für diesen Trend werden insbesondere Neugier, das Bedürfnis nach eigener Gesundheit, Schönheit und Gesundheitserhaltung sowie eine Desillusionierung hinsichtlich der Schulmedizin gesehen. Zudem sind viele Menschen aufgrund von Umweltproblemen, Gefahr von Krieg und Terror und schwindender religiöser Sicherheit verunsichert und suchen in komplementärmedizinischen Methoden Halt und Sicherheit.

Ganzheitlich (holistisch) und natürlich sind grundlegende Begriffe in vielen komplementärmedizinischen Verfahren. Dem subjektiven Befinden wird dabei größere Bedeutung zugemessen als den Diagnosen, die auf konventionelle Weise gestellt werden. Im Mittelpunkt steht ein Ungleichgewicht zwischen oder in Körper und Geist, das als primäre Krankheitsursache gesehen wird. Ganzheitliche Ansätze gehen dabei grundsätzlich davon aus, dass Gesundheit und Krankheit stets körperliche, psychische und geistige Zustände sind. Leib und Seele werden als Einheit aufgefasst.

Die Ganzheitsmedizin fokussiert deshalb nicht einzelne Krankheitssymptome, sondern den kranken Menschen an sich und entspricht damit traditionellen, erfahrungsgestützten Heilsystemen, wie jenen der Traditionellen Chinesischen Medizin oder des Ayurveda sowie verschiedener pflanzen- und naturheilkundlicher Verfahren. Ganzheitsmedizin nützt deren Erfahrungen und Heilmittel neben schulmedizinisch-orientierten Methoden und wissenschaftlich getesteten Medikamenten als komplementärmedizinische Möglichkeiten.

Als Problematik bei den komplementär- und alternativmedizinischen Ansätzen wird der Umstand angesehen, dass Behandlungen oft beliebig kombiniert werden, aber auch die Einzelanwendungen in ihrer Wirksamkeit sowie die Kompetenz der Anbieter kaum überprüft sind.
 

Gewerbliche Gesundheitsdienstleistungen

Neben den gesetzlich geregelten nichtärztlichen Gesundheitsberufen, die Dienste an gesunden Personen leisten bzw. kranke Menschen nach ärztlicher Anordnung behandeln7), gibt es - abgesehen vom geregelten Gewerbe der Massage, zu dem auch Shiatsu gehört - freie Gewerbe. Um einen freien Gewerbeschein z.B. für „Hilfestellung zur Erreichung einer körperlichen bzw. energetischen Ausgewogenheit" zu bekommen, bedarf es keinerlei Vorbildung oder einschlägigen Ausbildung. Dazu kommt, dass keine Kontrolle der Tätigkeit vorgesehen ist. Kein Verhaltenskodex existiert, es gibt keine Schweigepflicht und auch keinen Schutz für Konsumenten.8)

Auch wenn die Behandlung von Kranken und das Verordnen von Therapien nur medizinischen Berufen im Sinne des Ausbildungsvorbehaltsgesetzes erlaubt ist, werden Methoden der komplementären bzw. alternativen Medizin (CAM) in Österreich vielerorts gelehrt und praktiziert. Vertreter dieser Methoden und Techniken bezeichnen sich dabei als „Praktiker“. Dahinter steht die Überlegung, dass sie nicht therapieren, sondern lediglich gesunden Personen „Wohlfühlbehandlungen“ verabreichen. Obwohl dies für Wellnessaktivitäten z.B. in Wellnesshotels sicherlich zutrifft, kann dennoch davon ausgegangen werden, dass auch kranke Menschen derartige Behandlungen in Anspruch nehmen, weil sie sich einen Heilungserfolg versprechen.

Marina Steiner zieht daraus den Schluss, dass vorstellbar wäre, dass gewisse Methoden und Techniken, die als Berufsfeld in ein geschlossenes System einzuordnen sind und deren Wirkung mit naturwissenschaftlichen Methoden eine Bestätigung erfahren hat, Eingang in das Ausbildungsvorbehaltsgesetz finden. Es würden sich hier z.B. Rolfing und Shiatsu anbieten, vor dem Hintergrund des Ausbildungsvorbehaltsgesetztes auf medizinische Relevanz überprüft zu werden. Eine Abgrenzung zwischen gewerblicher Schiene bzw. Wellnessbereich im weitesten Sinne und medizinisch indizierter Anwendung wäre denkbar. Ein medizinisches Diplom auf der einen Seite und eine Gewerbeberechtigung auf der anderen Seite würden - ähnlich wie zwischen dem/r gewerblichen MasseurIn und dem/r HeilmasseurIn - mehr Klarheit und Struktur in die Ausbildung bringen. Denn durch das Hinausschieben notwendiger gesetzlicher Regelungen wird eine unkontrollierte Subkultur geschaffen, die sich im Graubereich zwischen Heilversprechen und Wohlfühlbehandlungen manifestiert.
 

Gesundheitstourismus

Der Gesundheitstourismus teilt sich in Kur/Rehabilitations-Tourismus und Gesundheitsvorsorgetourismus. Der Gesundheitsvorsorgetourismus, zu dem man den Wellnesstourismus zählt, konzentriert sich auf gesunde Menschen, während der Kur bzw. Rehabilitations-Tourismus von Kranken in Anspruch genommen wird. Menschen im Gesundheitsvorsorge-Tourismus haben zum Ziel, ihre Gesundheit zu erhalten bzw. zu fördern, was zur primären Prävention zählt. Prävention spielt auch in Kur und Rehabilitation eine Rolle, allerdings in sekundärer und tertiärer Form, da der gesundheitliche Schaden bereits gegeben ist.

Für den Gesundheitstourismus sind folgende Aufenthaltsformen von Bedeutung:

Wellnessurlaube im Sinne von Erholung, Entspannung und ganzheitlicher Entfaltung gesundheitlicher Ressourcen,
Kuraufenthalte zur Linderung chronischer Leiden, Rehabilitation und Prävention,
Rehabilitationsaufenthalte nach Verletzungen oder Krankheiten und
Klinikaufenthalte im Sinne von kurativ- und akutmedizinischen Leistungen.

Aus dem anglo-amerikanischen Raum kommend hat der Begriff „Spa" Einzug in die deutschsprachigen Länder gehalten. Die Bezeichnung setzt sich zusammen aus den Worten „sanus per aquam“, was aus dem Lateinischen übersetzt „Gesundheit durch Wasser“ bedeutet.9) Typische Spa-Einrichtungen sind Dampfbäder, Kneipp-Kuren oder Thalassobehandlungen sowie Körpertherapien im Wasser wie die Hydrotherapie. Spa- Einrichtungen werden genauso wie Wellness-Einrichtungen im Gegensatz zur Kur von gesunden Menschen genutzt. Auch hier steht das Motiv der Gesundheitsförderung (Primärprävention) im Vordergrund. Eine intensive Zusammenarbeit mit den Bereichen Gesundheitsförderung, Medizin, Psychologie, Ernährungswissenschaften und Erholungsforschung ist auf alle Fälle, ob man nun von Wellness oder Spa spricht, von enormer Bedeutung für den Gesundheitstourismus.

 
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[1] Marina Steiner: Qualitätsmanagement in der Ausbildung zu neuen Gesundheitsberufen im österreichischen Wellnesstourismus. Diplomarbeit an der IMC Fachhochschule Krems, Fachhochschul-Diplomstudiengang Tourismusmanagement und Freizeitwirtschaft, 2006.
[2] Die deutsche Fassung der Ottawa-Charta ist online unter http://www.euro.who.int/AboutWHO/Policy/20010827_2?language=German.
[3] Im so genannten Settings-Ansatz wird die Ottawa-Charta gleichsam weiterentwickelt, wobei hier die Gesundheitsförderung durch Organisationsentwicklung als entscheidend angesehen wird.
[4] Antonovsky sieht vor allem auch das Kohärenzgefühl (SOC) als bedeutend dafür, dass man sich in Richtung des gesunden Pols bewegt (vgl. Das Konzept der Salutogenese).
[5] WHO - Traditional Medicine Strategy 2002-2005: http://whqlibdoc.who.int/hq/2002/WHO_EDM_TRM_2002.1.pdf
[6] Mit dem Begriff der Alternativmedizin wird in der öffentlichen Diskussion häufig auch eine Gefährdung des Patienten verbunden, weshalb vielfach der Begriff der Komplementärmedizin bevorzugt wird. Auf der anderen Seite wiederum gibt es Bestrebungen, den Begriff der Komplementärmedizin zu vermeiden, da natürliche Verfahren „nicht einfach nur die Schulmedizin ergänzende Methoden sind."
[7] Dazu gehören Berufe wie Physiotherapie, Psychotherapie, Klinische und Gesundheitspsychologie, medizinische und Heilmassage, Hebammen, diplomierte Sozialberatung, Sanitätshilfsdienste etc.
Tätigkeiten, die Heilbehandlung oder medizinische Diagnostik beinhalten, sind der Kompetenz des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen zugeordnet und fallen keinesfalls unter den Anwendungsbereich der österreichischen Gewerbeordnung.
[8] Ende 2004 zählte man in Österreich 11.000 „Hilfesteller" und „Energethiker". Siehe auch www.energethiker.att.
[9] Anmerkung: Diese Auslegung des Begriffs „spa" ist nicht ungeteilt. Anderen Autoren zufolge lässt er sich eben gerade nicht aus dem Lateinischen ableiten, sondern geht vielmehr auf den Belgischen Kurort Spa zurück.

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