Tabus über
Brustkrebs brechen
Pamela Ellen Ferguson
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Übersetzung: Anne Frederiksen
Es ist eine Kunst, Krebspatienten zu
behandeln. Diese Behandlungen gehen weit über die Meridiane und die Auswahl von Punkten hinaus. Sie
brechen alte Tabus und machen es nötig, sich umfassend mit der
ganzen Person und ihrer Familie zu beschäftigen. Bei der Arbeit
mit Krebspatienten ist es wichtig, gut informiert zu sein über die
vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten der Schulmedizin und
der alternativen Medizin, über Lang- und Kurzzeitwirkungen von Chemotherapie
und Bestrahlungen. Auch Selbsthilfegruppen vor Ort sind hilfreich, und
man sollte sich unbedingt mit ihnen in Verbindung setzen. Wichtig ist
natürlich vor allem, mit den subtilen Möglichkeiten, das Jing
wieder aufzubauen, vertraut zu sein.
Ich habe meine persönlichen Erfahrungen als Krebsüberlebende
in einen lebendigen Unterricht eingebracht und biete diese Art von Workshops
in den USA, Deutschland, der Schweiz und Österreich an. Ich glaube,
dass diejenigen von uns, die in Heilberufen arbeiten und den Krebs überlebt
haben, die Pflicht haben, sich auf diesem Gebiet zu spezialisieren zum
Nutzen unserer Krebspatienten, unserer Studenten, deren Patienten und
Familien. In der amerikanischen Zeitschrift "Acupuncture Today" habe
ich zwei Artikel über Krebs geschrieben (Busting Tabus About Breast
Cancer, Part One & Busting Tabus About Breast Cancer, Part Two),
die man auch im Internet unter www.Acupuncturetoday.com findet. Hier
einige Auszüge.
Meine persönlichen und professionellen Erfahrungen
haben folgendes ergeben:
Mit
anderen Krebspatienten und deren Familien zusammenarbeiten, Krebspatienten
als Individuen behandeln und keine Verallgemeinerungen über Krebs
verbreiten.
Besondere
Ki- und Zen Shiatsu-Behandlungsprotokolle vor und nach der Operation erstellen.
Kreativ
mit den Überlebenden arbeiten.
Den
Patienten helfen, eine gute Auswahl an Informationen zu finden, besonders
eine Kombination aus herkömmlichen und alternativen Behandlungsmethoden
und anderen förderlichen Therapien.
Kreativ
mit den Kranken, die sich im Endstadium befinden, arbeiten.
Einige Ratschläge für Shiatsu-Therapeuten,
die beabsichtigen, mit Brustkrebspatienten zu arbeiten:
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Wende nur wenige
Techniken an. Praktiziere die Kunst des „Weniger ist mehr“. Verwende mehr Zeit
für Deine eigene Ki-Vorbereitung. Vermeide tiefgehenden Druck
bei den Patienten. Praktiziere Ki-Arbeit, ohne den Körper zu
berühren, um im Bereich der Zonen, die gerade operiert wurden,
arbeiten zu können (off-body-work). |
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Es kann sehr wichtig sein, den
Magenmeridian zu behandeln – nicht nur wegen der Lage
und Funktion. Der Magenmeridian spielt eine große Rolle im „Ki-Gerüst“ der
Brust. Ich half Peggy J., einer Patientin, deren beide Brüste
entfernt worden waren, ihre sogenannten Phantomschmerzen zu überwinden,
indem ich mit ihr über die Rolle des Magenmeridians sprach
und sie bat, ihre Hände über die Narben zu legen, wo
sie den Schmerz fühlte und wo sie ihre physischen Brüste
verloren hatte. Ich arbeitete den Magenmeridian herunter und vollführte
in Zeitlupe einen „Skisprung“ über ihren Händen,
indem ich dem Verlauf des Meridians folgte. Peggy fühlte nicht
nur die Ki-Linie, sondern erzählte mir am folgenden Tag, dass
die Schmerzen verschwunden waren. Sie konnte wieder Auto fahren
und es gar nicht mehr erwarten, wieder auf den Golfplatz zu gehen. |
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Auch die Milz- und Perikard-Meridiane
verlaufen durch den oberen äußeren Quadranten der
Brust, wo die meisten Tumore sitzen. Deine diagnostischen Techniken
werden Dir natürlich helfen, die passendsten Meridiane und
Akupunkturpunkte für eine Behandlung auszuwählen, aber
einfache Arbeit, ohne den Körper zu berühren, indem man
der Linie der betreffenden Meridiane durch die Zone der Operation
folgt, wird das Meridian-Ki wiederherstellen, das durch die Tumore
und die Skalpelle durcheinander gebracht worden ist. |
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Es ist immer nützlich, Deine
Patienten zu bitten, Dir ihren Bewegungsradius zu zeigen, so dass
Du jegliche unangemessene Bewegung oder Behandlungsposition
während einer einfachen Dehnung vermeiden kannst. Ob Du nun
auf einem Behandlungstisch oder auf einer Matte arbeitest, bitte
Deine Patienten immer, sich selber in eine bequeme Lage zu bringen.
Eine meiner Patientinnen, Lisa N., konnte ihren Arm ohne ein Kissen
als Unterlage in der Rückenlage kaum ausstrecken. |
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Wenn Du ein helles, farbiges
Tuch über die Zone, in der der Eingriff erfolgte, legst, wirst
Du an die genaue Lage erinnert. |
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Ich bitte meine Patienten oft,
ihre Narben auf einen Körperumriss zu zeichnen, damit ich
die genaue Lage weiß. Als Alternative schlage ich oft vor,
dass sie Linien aus farbigen Fünf-Elemente-Klebepunkten auf
ihrer Kleidung anbringen, damit ich die Narben verfolgen kann.
Ich kann dann die Meridiane und Punkte genau bestimmen, die örtlich
oder an entfernterer Stelle durch die Operation betroffen waren.
Es macht besonders Kindern jeden Alters Spaß, wenn Du
ihnen im Spiegel zeigst, wie Dehnungen die Narben zum „Lächeln“ bringen. |
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Wenn ein Patient sich einer Chemotherapie
unterzieht, hilft der Perikard sehr, Übelkeit zu verringern,
besonders P6 und P8. Arbeite mit wenig Bewegung, um Schwindel zu
vermeiden, besonders im Nacken- und Schulterbereich. |
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Denke daran, dass eine Chemotherapie
das Jing angreift (sie greift das Knochenmark an, verursacht Haarausfall
und führt in einigen Fällen zu einem vorzeitigen Beginn
der Menopause). Man kann während des eigentlichen chemotherapeutischen
Prozesses eine subtile Art von Shiatsu anwenden, um Schmerz und Übelkeit
zu verringern, was der sensible Shiatsu-Therapeut Wayne Mylin,
AOBTA-Mitglied, in einer Krebsklinik in Philadelphia praktiziert. |
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Das Jing und das Immunsystem
nach der Chemotherapie wieder aufzubauen, ist überlebensnotwendig.
Humor, Lebensziele, ein starkes System der Unterstützung,
eine Auswahl von herkömmlichen und alternativen Therapien
und wirtschaftliche Sicherheit sind von wesentlicher Bedeutung
zwischen Leben und Tod. (…) |
Nützliche Tipps für die Behandlung von
Krebspatienten:
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Ermutige die Patienten,
sich umfassend zu informieren, bevor sie sich in Entscheidungen
bezüglich einer Operation und hilfreichen Therapien (ob „mainstream“ oder
alternativ) stürzen. Patienten geraten in Panik, wenn sie
hören, dass sie Krebs haben. Beruhige und unterstütze
sie. Es ist wenig hilfreich, sie mit „New Age“-Theorien zu
bombardieren, warum sie Krebs bekommen haben. |
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Ermutige Familie und Freunde
der Patienten, ein Unterstützungsnetzwerk aufzubauen,
so dass ganz praktische Bedürfnisse von verschiedenen Gruppenmitgliedern übernommen
werden können, z. B. durch Telefonketten, Gruppenfahrten,
Abholen der Kinder von der Schule, Einkaufen etc. Das gibt den
Patienten freie Zeit und wertvolles Ki für die unmittelbaren persönlichen
Bedürfnisse. |
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Behandle Deine Patienten so oft
wie möglich vor der Operation mit Fernöstlicher Körpertherapie
und Meridiandehnungen oder Fernöstlicher Körpertherapie
und Akupunktur. Du hilfst ihnen, ihr Ki zu erhöhen, wenn Du
sie ermutigst, am Tag vor der Operation entsprechende Übungen
zu machen. Vor meiner Brustoperation ging ich mit meinen Lieben
zum Rudern auf den See im Central Park in New York, um mein Ki
im Oberkörper zu erhöhen. |
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Ermutige Deine Patienten, immer
wieder ein positives Bild von diesen Übungen in ihrem Geist
und auch von Deinen Behandlungen entstehen zu lassen, wenn sie
in die OP gefahren werden und aus der Narkose erwachen. Das vermindert
nicht nur die Schmerzen, sondern regt den Ki-Fluss an, der für
die Genesung so wichtig ist. |
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Rate weiblichen Patienten
davon ab, die Operation während des Eisprungs durchführen
zu lassen, weil das Immunsystem dann schwach ist. Ein Epidemiologe
vom New Yorker Sloan-Kettering Krankenhaus hat eine starke
Verbindung zwischen den Zyklen und der Genesung festgestellt. |
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Versuche es einzurichten, dass
Du einen Tag nach der Operation mit Deinen Patienten arbeitest.
Selbst leichte Druckpunktarbeit an Händen und Füßen
oder einfaches, sanftes Palmieren zu beiden Seiten des Blasen-Meridians
hilft, das Ki und die Peristaltik zu stimulieren. |
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Denke daran, dass Krebs durch
eine Reihe von Faktoren verursacht wird, einschließlich Umwelt-
und Industrieverschmutzung, außerdem durch Pestizide, Stress,
Gene, Rauchen etc. Ebenso ist das Überleben von einer Reihe
von Faktoren abhängig, wie zum Beispiel Teamarbeit. Der berühmte
Radrennfahrer Lance Armstrong hatte seine Jugend, seine Begeisterung
für das Radfahren auf seiner Seite. Das alles hat ihm
geholfen zu überleben und die verschiedenen Rekorde während
der Tour de France zu brechen. |
Hilfreiche Punkte bei der Chemotherapie
Hilfreiche Punkte, die mein Shiatsu-Kollege Wayne Mylin, der auf eine
17 Jahre lange Erfahrung in einer psychiatrischen Abteilung zurückblicken
kann, während seiner Arbeit mit Chemotherapie-Patienten, anwendet:
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Yu Punkte (hilfreich
bei einer Vielzahl von Problemen) |
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Übelkeit und Erbrechen:
Perikard 6, Herz 7, Magen 36 und allgemeine Arbeit an den Füßen |
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Angst: Perikard 6, Herz 7, Shen-Ohrpunkte,
Lenkergefäß 20 und 24, Kreuzbein, im Grunde jede unterstützende
Berührung und Arbeit an den Füßen |
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Depression: Unterstützung
(sowohl mündlich als auch körperlich), Yu Punkte, die
ausgleichen und tonisieren |
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Schwindel: Dickdarm 4 und Arbeit
an den Füßen |
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Yin-Mangel: Magen 36 |
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Aufsteigende Hitze: Leber 2 |
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Schlafstörungen: alle Yu
Punkte, Magen 36, Gallenblase 12 und 20, Lenkergefäß 20
und 24, Herz 7, Perikard 6 und Dickdarm 4 |
Wayne Mylin über seine Arbeit in der Chemotherapie: „Ich
wurde jeden Mittwoch für einen Drei-Stunden-Block engagiert.“ Dies
bedeutete große Anpassungsfähigkeit. Während dieser Zeit
musste er fünf verschiedenen Patienten Shiatsu-Sitzungen von 35
Minuten Dauer auf dem Stuhl geben, und zwar vor, während und nach
der Chemotherapie. „Es war eine besondere Herausforderung, nachdem
ich die Diagnose (Puls, Zunge, Frage nach Medikamenten etc.) gestellt
hatte, zu überlegen, wie ich die Sitzungen in der begrenzten Zeit
auf dem Stuhl gestalten sollte.“
Die häufigsten Symptome,
die er behandelte, waren Müdigkeit, körperliche Schmerzen, Übelkeit,
Schlafstörungen, Depression, Angst, erkältungsähnliche
Symptome, Wut, Frustration und Furcht. Bescheiden wie immer über
seine Talente als Shiatsu-Therapeut, sagte Wayne „Ich habe mit
Patienten gearbeitet, bei denen ich nur meine Hände mit minimalem
Druck auf ihren Rücken legen oder nur ihre Hände behandeln
konnte und spürte dennoch, dass das, was ich machte, eine große,
manchmal sogar enorme Linderung brachte.“ Sein psychologischer
Hintergrund war äußerst wertvoll: „Während der
Behandlungen beginnen viele Patienten zu sprechen und sich zu öffnen“,
sagte er und fügte hinzu, dass er oft der einzige im Behandlungsteam
sei, der den Patienten 35 Minuten lang seine ungeteilte Aufmerksamkeit
gab.
Ein weiterer wichtiger Punkt, den Wayne erwähnte: „Es ist
für jeden Shiatsu-Therapeuten, der in einer Krankenhausabteilung
arbeitet, wichtig, dass er die westliche medizinische Behandlung, die
der Patient bekommt, unterstützt. Wenn wir Chemotherapie oder Bestrahlungen
nicht befürworten, sollten wir gar nicht erst in einer solchen Einrichtung
arbeiten. Das wäre den Patienten gegenüber einfach unfair.“
Abbildung: Dr. Med . Isabel Selassie demonstriert "breast
cancer exercises" aus Pamela Fergusons (c) Buch "Shiatsu" erschienen
im Trias Verlag. Photograph: Alison Russell
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© Pamela Ellen Ferguson, Dipl. ABT (NCCAOM),
CI (AOBTA, GSD-Germany), RMT; Austin, Texas.
Erstveröffentlichung auf Acupuncture Today; Veröffentlichung
der deutschen Übersetzung in Shiatsu Journal Nr. 39, Winter 2004

Shiatsu-Magazin der Shiatsu-Ausbildungen Austria www.shiatsu-austria.at
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