Falsche Erinnerungen |
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Setzt man Zeugen eines Geschehens nachträglich neuen und irreführenden Schilderungen dieses Ereignisses aus, werden ihre Erinnerungen verzerrt. So beobachteten - in einer Versuchsanordnung von Elisabeth F. Loftus - Versuchspersonen einen simulierten Autounfall an einer Kreuzung mit Stopp-Schild. Nach dem Betrachten der Szene wurde der Hälfte der Teilnehmer suggeriert, das Verkehrszeichen sei ein Vorfahrtsschild gewesen. Als sie danach dazu befragt wurden, behaupteten sie signifikant häufiger als die anderen Versuchspersonen eben dies gesehen zu haben. Erinnerungen lassen sich besonders dann leicht modifizieren, wenn sie im Laufe der Zeit zunehmend verblasst sind. Um diese Annahme zu überprüfen, wurde Versuchspersonen suggeriert, sie seien im Alter von fünf Jahren in einem großen Kaufhaus verloren gegangen.2) Nach dieser Intervention war etwa ein Viertel der Versuchspersonen davon überzeugt, dass das Ereignis tatsächlich stattgefunden hätte.3) Ausgehend davon, dass es in den oben angeführten Experimenten relativ leicht und gut möglich war, Erinnerungen zu manipulieren, stellt sich die Frage, inwieweit es in anderen Situationen, wie z.B. bei einem Polizeiverhör oder in einer psychotherapeutischen Situation, zu einer Verfälschung der Erinnerung kommen kann. Manche Therapeuten beispielsweise ermutigen ihren Klienten, sich bestimmte Kindheitsereignisse auszumalen, um (vermeintlich) verdrängte Erinnerungen freizulegen. So plädiert die amerikanische Therapeutin Wendy Maltz ("Sexual Healing - Ein sexuelles Trauma überwinden") dafür, den Patienten zu sagen: "Nehmen Sie sich Zeit für die Vorstellung, man habe Sie missbraucht, ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob es genau so stimmt oder nicht. Sie brauchen nichts zu beweisen, und ihre Vorstellungen brauchen auch keinen Sinn zu ergeben ... Fragen Sie sich: Welche Tageszeit ist es in Ihrer Vorstellung? Wo sind Sie? Drinnen oder Draußen? Was passiert? Sind Sie mit einer oder mehreren Personen zusammen?" Zudem empfiehlt sie dem Therapeuten Fragen wie "Wer könnten die Täter sein?" oder "Wann in ihrem Leben war die Gefahr eines sexuellen Missbrauchs am größten?"
Dieses und ähnliche Experimente4) bestätigen, dass man vielen Menschen - auch ohne Hypnose oder ähnliche Verfahren - auf relativ einfache Weise komplexe und detaillierte Erinnerungstäuschungen einzuprägen vermag. Und insbesondere drei Faktoren, so die bisherigen Forschungsergebnisse, sind für gefühlsbesetzte und aktiv ausgeschmückte Erinnerungstäuschungen von besonderer Bedeutung: 1) die Ausübung sozialen Drucks, Das (falsche) Konstrukt entsteht dabei aus der Kombination
echter Erinnerungen mit Fremdsuggestionen. Dabei "vergessen" die Betroffenen, woher
die Informationen eigentlich stammen.5) Umgekehrt aber gilt auch, dass
sicherlich nicht alle Gedächtnisinhalte, die unter Suggestion (oder ähnlichen
Umständen) auftauchen, zwangsläufig falsch sein müssen.
Ohne Bestätigung durch zusätzliche Fakten aber, so Elisabeth
F. Loftus, vermögen selbst erfahrene Gutachter echte Erinnerungen
kaum von suggerierten zu unterscheiden. _____________________________________ [1] 1992 wurde
beispielsweise, wie Elisabeth F. Loftus berichtet, Beth Rutherford von
einem kirchlichen Berater darin bestärkt, dass ihr Vater - ein Geistlicher
- sie im Alter zwischen 7 und 14 Jahren regelmäßig vergewaltigt
hätte. Auch die Mutter sollte manchmal mitgeholfen haben, indem
sie die Tochter festhielt. Unter der Anleitung des Therapeuten erinnerte
sich Beth Rutherford daran, dass ihr Vater sie zweimal geschwängert
und dann gezwungen hätte, den Embryo eigenhändig mit einem
Kleiderbügel aus Draht abzutreiben. Als die Vorwürfe publik
wurden, musste ihr Vater von seinem Amt zurücktreten. Eine medizinische
Untersuchung hat allerdings später ergeben, dass Beth Rutherford
im Alter von 22 Jahren noch immer Jungfrau war und niemals schwanger
gewesen sein konnte. Sie verklagte schließlich den Therapeuten
und erhielt vom Gericht eine Million Dollar Schadenersatz zugesprochen. [2] Die Versuchspersonen wurden gebeten, sich bestimmte Kindheitserlebnisse ins Gedächtnis zu rufen, die den Versuchsleitern von einem engen Verwandten berichtet worden waren. In ein kleines Heft wurden danach - mit knappen Worten - jedem der Teilnehmer vier Kindheitserlebnisse eingetragen: drei wirkliche und das erfundene, in dem das Kind im Kaufhaus verloren ging (Elisabeth F. Loftus & Jacqueline E. Pickrell). [3] Auch andere Versuchsanordnungen (wie z.B. von Ira Hyman, Troy H. Husband & F. James Billing an der Western-Washington-Universität in Belingham, Washington) gelangten zu ähnlichen Ergebnissen. [4] In anderen Experimenten genügte beispielsweise schon die Behauptung, der Betreffende sei bei einer (nicht begangenen) Tat gesehen worden, um ihn zu einem falschen Geständnis zu verleiten. [5] In der Begründung dieses
Effekts geht man davon aus, dass ein intensiv vorgestelltes Ereignis
vertrauter wird und man diese Vertrautheit irrtümlich mit Kindheitserinnerungen
in Verbindung bringt - statt mit dem Vorstellungsakt. Eine solche Quellenverwechslung
(man erinnert sich nicht mehr an die Herkunft der Information) ist oft
besonders in Zusammenhang mit den entlegenen Ereignissen der Kindheit
ausgeprägt. Quellen: Elisabeth F. Loftus: "Falsche Erinnerungen".
In: Spektrum der Wissenschaft. Digest 1/2003, Psyche und Verhalten, S.
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© Dr. Eduard Tripp,
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