Der Einfluss
des Frühlings auf den Menschen
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Dass viele verschiedene Rhythmen für das optimale Funktionieren des menschlichen Organismus verantwortlich sind, ist eine wichtige Erkenntnis der Chronobiologie und Chronomedizin. Zu den längerfristigen Zyklen, die nachweislich einen deutlichen Einfluss auf unser Leben haben, gehören die Jahreszeiten. Ihr Einfluss ist jedoch, wie uns die Erfahrung lehrt, selbstverständlich nicht auf den Menschen beschränkt, sondern betrifft vielfältige Vorgänge in der Natur. Ein kleiner männlicher Kanarienvogel etwa - wie p.m. berichtet - zwitschert das ganze Jahr hindurch vor sich hin, Ende Februar jedoch verändert sich sein Verhalten deutlich: Plötzlich singt er die schönsten Melodien und ahmt auch Lieder anderer Vögel nach. Sein Repertoire vergrößert sich fast täglich - mit dem Ziel damit Weibchen zu beeindrucken und für Nachwuchs zu sorgen. Versuche (mit Abdunkelung und - im umgekehrten Fall - auch mit künstlicher Beleuchtung) zeigten, dass das Licht mit der saisonabhängigen Sangesfreude zu tun hat. Die Untersuchung seines Gehirns zeigte eine Vergrößerung des "Song-Kontrollzentrums" auf das dreifache Volumen, das sich im Laufe des Sommers dann wieder auf das ursprüngliche Volumen zurückzieht.
Damit die innere Uhr richtig geht, synchronisiert unser Organismus diese durch das Tageslicht. Dazu gibt es bestimmte Rezeptoren (vgl. Chronobiologie und Chronomedizin) bestimmte Rezeptoren, deren ausschließliche Aufgabe es ist, die innere Uhr zu stellen. Die Informationen dieser Zellen werden direkt in den Suprachismatischen Nucleus (SCN) geleitet - ein reiskorngroßer Gehirnkern, der jeweils direkt über der Sehnervenkreuzung (Chiasma) liegt und der als zentrales Zeitgeberorgan des Körpers gilt. Damit die SCN-Kerne ihre Aufgabe erfüllen können, sind sie mit der Zirbeldrüse verbunden, die - solange die SCN-Kerne Dunkelheit melden - im 20-Minuten-Rhythmus das "Schlafhormon" Melatonin ausschüttet. Nachts wird deshalb der Körper mit Melatonin überschwemmt, und jede Körperzelle, die über entsprechende Rezeptoren verfügt, reagiert auf das Hormon. Folgen sind ein Ansteigen der Müdigkeit, ein Absinken der Körpertemperatur, eine Drosselung der Stoffwechselgeschwindigkeit, eine Abnahme der Lust auf Sex, eine Anfälligkeit für Depressionen, eine Reduktion der Produktion anderer Hormone u.ä.m. Wenn der Morgen dämmert und die SCN-Kerne Helligkeit melden, stoppt die Melatonin-Produktion - und was davon noch im Blut ist, wird innerhalb von dreißig Minuten von Leber und Niere abgebaut. Die Hypophyse (Hirnanhangdrüse) wiederum misst über spezifische
Zellen die Zeit der Melatonin-Ausschüttung und erkennt darüber, ob die
Tage kürzer oder länger werden. Registriert sie längere Tage, löst sie
"Frühlingsalarm" aus und veranlasst sowohl die Ausschüttung des "Aufputschhormons"
Cortison als auch die verstärkte Produktion des "Glückshormons" Serotonin.
Sobald der Serotoningehalt einen Wert von 10 mg pro Liter Blut erreicht,
steigt unsere Stimmung und unsere Dynamik nimmt deutlich zu.2)
Über die so genannte Sexualhormonachse werden - über eine Reihe von Zwischenstufen
- die Geschlechtshormone wie Östrogene und Testosterone freigesetzt3) -
und unser Interesse am anderen Geschlecht steigt sprunghaft an. Verstärkt
wird dieser Effekt noch durch die zunehmend entblösten Körperteile (insbesondere
Arme, Beine, Dekollete)) und die verstärkte Bildung von Pheromonen (Duftstoffe,
die mit der verstärkten Zirkulation der Sexualhormone verbunden sind).
Zugleich wird unsere Nase sensibler, so dass uns unser Geruchsorgan (relativ)
zielsicher auf die Spur zu einem potentiellen Sexualpartner führt - und
das, was im Winter noch gestunken hat, gilt jetzt als erregender
Duft.4) 5) _____________________________________ [1] Zwei unterschiedliche Menschen sind sich - auf Grund der zeitlichen Funktionsänderungen - zur gleichen Tageszeit biochemisch ähnlicher als jeder von ihnen mit sich selbst im Abstand von 12 Stunden. [2] Umgekehrt, sinkt der Wert unter diese Marke, was in der dunklen Jahreszeit leicht passieren kann, verfallen viele Menschen in die saisonale (saisonabhängige) Depression (SAD). [3] Manche Menschen haben hier auch Umstellungsprobleme, so dass sie zunächst einmal in die Frühjahrsmüdigkeit fallen. Als Grund dafür sieht die westliche Medizin die Erweiterung der Blutgefäße mit den ersten warmen Tagen, wodurch der Blutdruck absinkt und man sich müde fühlt. Bis zu einem Monat kann es dauern, bis sich der Körper an die neuen Temperaturen gewöhnt. Frühes Aufstehen (verbunden mit früh zu Bett gehen) und viel Aufenthalt an der frischen Luft kann die Umstellungszeit verkürzen. [4] Forscher haben in einem Versuch einen der Stühle im Wartezimmer eines Arztes mit männlichen Pheromonen bestrichen. Die meisten Damen setzten sich daraufhin zielsicher auf den behandelten Stuhl, wohingegen die Männer sich möglichst weit weg von der Duftmarkierung ihres "Konkurrenten" setzten. [5] Hormonforscher
gehen davon aus, dass der ursprüngliche Hintergrund der Hormonveränderung
im Frühjahr letztlich der ist, dass die Babys zu einem Zeitpunkt geboren
werden sollen, an dem sie die besten Überlebenschancen haben, weil die
Winterkälte nachlässt und wieder ein ausreichendes Nahrungsangebot zur
Verfügung steht. Chronobiologie und Chronomedizin |
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© Dr. Eduard Tripp,
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