Placebos im Spiegel der Komplexitätsforschung


Unter einem Placebo versteht man ein so genanntes Scheinmedikament oder eine Scheintherapie. Ein Placebo ist also ein „Leerpräparat“1), welches Patienten wie ein gewöhnliches Arzneimittel (bzw. eine gewöhnliche Behandlung) erscheint und als pharmakologisch wirksames Medikament (oder Behandlung) vorgestellt wird. Obwohl pharmakologisch betrachtet keine therapierelevante Substanz in Scheinmedikamenten enthalten ist2), wirken diese Leerpräparate erstaunlich gut – so gut, dass die Wirksamkeit von Wirkstoffen im Vergleich mit Placebopräparaten nachgewiesen werden muss.3)

Von großer Bedeutung für die Wirkung von Placebos ist die Information, die ein Patient über die Wirksamkeit und Anwendung einer Therapie erhält, aber auch die Art und Weise, wie das Placebo verabreicht wird. So hat die Analyse von mehreren Studien über die Wirksamkeit von Migränemitteln bei akuten Schmerzattacken gezeigt, dass die Wirksamkeit einer Placebogabe in Form einer Pille durchschnittlich bei 25,7 Prozent liegt, während die Wirksamkeit bei Placebogabe über eine Injektion auf 32,4 Prozent ansteigt.4)
 

Placebowirkungen

Entgegen der oft geäußerten Überzeugung, dass Placebos lediglich subjektive Befindlichkeiten beeinflussen, zeigt die Forschung, dass Placebos durchaus messbare Veränderungen im Körper bewirken. So kann beispielsweise bei Hypertonie (Bluthochdruck) der Blutdruck bei 40 Prozent der Behandelten mit Placebomedikamenten zufriedenstellend gesenkt werden. Ähnliche Erfolge von Placebobehandlungen zeigen sich auch bei erhöhten Cholesterinwerten, Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen u.ä.m.

Besonders wirksam allerdings zeigen sich Placebos bei so genannt subjektiven Beschwerden wie Schmerz, Schlaflosigkeit oder depressiven Verstimmungen. Die Ansprechrate bei Placebo (im Vergleich zu Antidepressiva) beispielsweise liegt in verschiedenen Studien zwischen 12,5 und 51,8 Prozent. Placebos können also, ebenso wie Antidepressiva, eine depressive Symptomatik zum Abklingen bringen, und eine Untersuchung des Glukose-Metabolismus im Gehirn mit Hilfe der Positronenemissionstomographie (PET) während der Verabreichung von Placebo und Antidepressiva ergab, dass es nach der Gabe von Placebo wie auch nach der Gabe von Antidepressiva zu regionalen Veränderungen des Gehirnstoffwechsels kommt. Nach der Gabe des Antidepressivums waren aber– gegenüber der Placebogabe – noch zusätzliche regionale Veränderungen zu beobachten.5)

Weitere PET-Untersuchungen zeigten, dass sowohl nach der Gabe von Opioiden als auch nach der Gabe eines Placebos die Opioidrezeptoren (die für die Schmerzempfindung wie auch deren Hemmung zuständig sind) eine erhöhte Aktivität zeigen.6) Und De la Fuente-Fernandez et al.7) fanden, dass ein auf Morbus Parkinson wirkendes Medikament und ein Placebo auf dieselbe Weise (durch die Aktivierung der endogenen Ausschüttung von Dopamin im entsprechenden Hirnareal) wirken, so dass sie hier keinen qualitativen und quantitativen Unterschied finden konnten.

Auch beim Vergleich chirurgischer Eingriffe mit Placeboeingriffen zeigen sich verblüffende Wirkungen der Scheineingriffe. An Patienten mit Kniegelenksarthrose wurden einerseits arthroskopisch chirurgische Eingriffe und zum anderen Placeboeingriffe (nur mit einem Hautschnitt) vorgenommen. Dabei zeigte sich – sowohl was die Schmerzen als auch die Funktionsverbesserung betrifft – kein Unterschied bei den Ergebnissen8), und auch bei Patienten mit chronischen Bauchschmerzen auf Grund von Verwachsungen zeigten sich keine Unterschiede zwischen den Ergebnissen der Patienten, bei denen ein operativer Eingriff vorgenommen wurde, und jenen, die einen Scheineingriff erhielten.9)
 

Yen Tzu Yü - Von Sturm und Regen gepeitschtBehandlungsdrama

Pharmakologen führen den Placeboeffekt auf das so genannte Behandlungsdrama zurück, das – auf vielfältige Weise – sowohl von medizinisch Tätigen als auch von Heilern angewendet wird: Durch das Verhalten des Arztes/Heilers erhält eine spezifische Situation für den zu Heilenden/Patienten besondere Bedeutung. Besonders stark wird diese Bedeutung durch spezielle Aufmerksamkeit, durch Zeitaufwand und Zuwendung, durch ausführliche und Vertrauen fördernde Aufklärung, durch überzeugendes Auftreten u.ä.m. Eine solche Situation beinhaltet viel Information, die dem zu Heilenden/Patienten vermittelt wird. Der Patient wiederum bewertet diese Information sowohl kognitiv wie auch emotional als positiv und stuft sie durch diese Bedeutungsgebung als für sich wichtig und wirksam ein – und er ist überzeugt, dass die Behandlung wirkt.
 

Wirkmechanismen von Placebos

Offensichtlich ist die Wirkung von Placebos an die Erwartung des Patienten gekoppelt. Glaubt er nicht an eine Wirkung, so hilft die Scheinmedikation, die Scheinbehandlung nicht. Ferner geht die Wirkung eines Placebos in einer bestimmten Situation nur in eine definierte Richtung – in die Richtung der Erwartungen.10) Die Wirkung von Placebos beruht aber nicht nur auf dem Vertrauen in die Autorität des Arztes, sondern auch auf früheren positiven Erfahrungen oder der rationalen Nachvollziehbarkeit einer Behandlung (auch dann, wenn sie nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht).

Aus der Sicht der Komplexitätstheorie (vgl. Komplexe Systeme. Grundprinzipien der Chaostheorie) nimmt Information im Prozess der Selbstorganisation eine zentrale Rolle ein. Diese Information11) wird in unterschiedlichen, aufeinander abgestimmten Aspekten ineinander verschränkend angeboten (und aufgenommen) und entfaltet ihre Wirkung entsprechend der Erwartung, mit der sie beladen ist.
  

Noceboeffekt

Mit dem Placeboeffekt entfalten nicht nur Placebos ihre Wirksamkeit, sondern wird auch die Effektivität von Medikamenten zusätzlich gefördert. Andererseits aber können negative Einstellungen gegenüber Medikamenten oder Behandlungsmethoden die Wirksamkeit von etablierten und gut wirksamen Präparaten mindern, aufheben oder sogar in einen negativen Effekt, den so genannten Noceboeffekt, umwandeln.12)
 

Verumpräparate und Placeboeffekt

So wie jedes Placebo mit dem Behandlungsdrama verknüpft ist (woraus sich die Wirkung – d.h. der Placeboeffekt – ergibt), so erzeugt das Verum (Wirkstoffpräparat) plus Placeboeffekt jene Wirkung, die den therapeutischen Effekt ausmacht. Das bedeutet, dass jede Gabe eines Verumpräparats immer mit dem Behandlungsdrama und damit also mit einem Placeboeffekt verknüpft ist. Eine „reine“ Wirkung eines Medikaments gibt es daher grundsätzlich nicht.13)
 

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[1] In einem Placebo oder Leerpräparat ist definitionsgemäß kein pharmakologisch wirksamer Stoff oder ,eine therapeutisch bekannt wirksame Handlung enthalten.
[2] Die nachfolgenden Ausführungen gelten analog immer auch für Placeobehandlungen (Scheinbehandlungen).
[3] In der klassischen Untersuchung von neu entwickelten Präparaten werden aus diesem Grund Doppelblindstudien eingesetzt, bei denen weder Patient noch Behandler wissen, ob sie es mit einem Placebo oder einem Verum (Präparat mit Wirkstoff) zu tun haben.
[4] Als Kriterium für die Wirksamkeit der Behandlung galt in der Untersuchung die Schmerzfreiheit nach der Behandlung.
[5] H. Mayberg, J. Silva, S.T. Brannan, J. Tekell, R. Mahurin, S. McGinnis & P. Jerabek: The Functional Neuroanatomy of the Placebo. In: American Journal of Psychiatry 159, 2002, S. 728 - 739 (zitiert nach K. Toifl).
[6] P. Petrovic, E. Kalso, K. Petersson & M. Ingvar: Placebo and Opioid Analgesia – Imaging a Shared Neuronal Network. In: Science 295, 2002, S. 1737 - 1740 (zitiert nach K. Toifl).
[7] R. De la Fuente-Ferndandez, T. Ruth, V. Sossi, M. Schulzer, D. Calne & A. Stoessl : Expectation and Dopamin Release: Mechanism of the Placebo Effect in Parkinson´s Disease. In: Science 293, 2001, s. 1164 - 1166 (zitiert nach K. Toifl).
[8] J. B. Moseley, K. O´Malley, N.J. Petersen, T.J. Menke, B.A. Brody, D.H. Kuykendall, J.C. Hollingsworth, C.M. Ashton & N.P. Wray: A Controlled Trial of Arthroscopic Surgery for Osteoarthritis of the Knee. In: New England Journal of Medicine 347, 2002, S. 1717 – 1719.
[9] D.J. Swank, S.C.G. Swank-Bordewijk, W.C.J. Hop, W.F.M. van Erp, I.M.C. Janssen, H.J. Bonjer & J. Jeekel: Laparoscopic adhesiolysis in patients with chronic abdominal pain: a blinded randomised controlled multicentre trial. In: The Lancet 361, 2003, S. 1247 - 1251.
[10] Von einem Placebo, das gegen Kopfschmerzen wirken soll (und dem Patienten entsprechend gegeben wird), kann man deshalb nicht erwarten, dass es den Blutdruck senkt.
[11] Information wird sowohl über Materie (also beispielsweise Spritze, Pille oder operativer Eingriff) vermittelt als auch über Energie der unterschiedlichsten Form (etwa als akustische oder optische Wellen, taktile oder geschmackliche Signale u.ä.m.).
[12] Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass Placebos, weil sie keinen Wirkstoff enthalten, nebenwirkungsfrei seien, kann ein Scheinpräparat durchaus – stark aufgeladen mit negativen Erwartungen und Befürchtungen – Beschwerden („Nebenwirkungen“) auslösen und im schlimmsten Fall sogar den psychogenen Tod verursachen.
[13] Das ist auch der Grund, warum in klassischen Studien zur Erprobung neu entwickelter Medikamente diese immer (auch) mit einem Placebo verglichen werden. In den Studien kann, da sich die Placebowirkung nicht direkt bestimmen lässt (auch wirkt ein Placebo im Vergleich beispielsweise mit einem stark wirksamen Analgetikum stärker als im Vergleich mit einem schwach wirksamen), deshalb auch nur ausgesagt werden, um wie viel besser (oder eben nicht) das Verum-Präparat (inklusive Placeboeffekt) als das Placebo wirkt. Eine Verum-Wirkung ohne Placeboeffekt ist nicht messbar.
 

Quelle: Karl Toifl – Lebensfluss zwischen gesund und krank. Facultas Verlag, 2004
 


Placebos und Placebowirkungen der Akupunktur

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