Shiatsu bei chronischen Schmerzen im unteren Rücken
Wilfried Rappenecker


Rückenschmerzen sind nicht gleich Rückenschmerzen. Obwohl es häufige Muster gibt und typische Ursachen, die nahezu immer eine Rolle spielen, entsteht doch jeder Schmerz im unteren Rücken in einer konkreten Lebenssituation mit einmaligen individuellen seelischen und körperlichen, das heißt energetischen Mustern. Meiner Erfahrung nach lässt das Verständnis für die besondere Situation eines jeden Betroffenen die Behandlung einfühlsamer und effektiver werden. Darum möchte ich mit diesem Artikel dazu ermutigen, sich der Besonderheit der Lebenssituation eines jeden Klienten mit chronischen Beschwerden im unteren Rücken zu öffnen. Und zu erforschen, wie diese sich in seinem Körper energetisch und physisch manifestiert.

Damit ist das Thema dieses Artikels umschrieben: Shiatsu bei chronischen Schmerzen im unteren Rücken, mit oder ohne Ausstrahlung in die Beine. Er ist notwendigerweise subjektiv und unvollständig (weil auf der Erfahrung meiner eigenen Praxis beruhend und auf der Weise, wie ich Shiatsu ausübe). Wichtige Themen der Behandlung von Rückenschmerzen lässt er aus, wie z.B. die gezielte Meridianbehandlung nach einer der energetischen Körperdiagnosen des Shiatsu, welche sehr wirksam sein kann. Im Mittelpunkt stehen auch nicht die akuten Beschwerden des Rückens, wie sie z.B. bei einem einmalig auftretenden „Hexenschuß" bestehen können. Ebenso wenig werde ich über die akuten wie chronischen Schmerzen in anderen Abschnitten des Rückens sprechen. Wohl aber kann das in diesem Artikel skizzierte Verständnis auch bei solchen Beschwerden von Nutzen sein.
 

Schmerz ist subjektiv

Die individuelle Lebenssituation, in der Rückenschmerzen sich entwickelt haben, können wir oftmals schon wahrnehmen, noch bevor wir zum ersten Mal „Hand angelegt" haben. Die betroffene Person trägt ihre Geschichte mit sich herum und zumindest wichtige Teile hiervon sind für jeden interessierten Behandler offen lesbar. Bei einigen steht der körperliche Schmerz im Vordergrund, bei anderen geht das erlebte Leid ganz offensichtlich über das Körperliche hinaus.

Schmerz gehört zu den subjektivsten Phänomenen des Lebens, objektiv scheint es ihn gar nicht zu geben. Die gleichen physiologisch nachweisbaren Nervenimpulse können von der einen Person als vernichtender Schmerz erlebt werden, während sie von einer anderen mit einem Achselzucken abgetan, vielleicht sogar lustvoll erlebt werden. Je stärker ein Mensch unter seinen Beschwerden leidet, um so ausgeprägter ist zumeist die emotionale Komponente. Sie kann mitunter so sehr vorherrschen, dass der physische Schmerz einem Außenstehenden unwesentlich erscheint. Für die Aufrechterhaltung des Leids spielt dies nicht selten eine zentrale Rolle.

WirbelsäuleEs lohnt sich also, eine Antenne offen zu halten für die Stimmungen, die unser Klient mitbringt. Meiner Meinung nach machen wir unseren Schmerz, er stößt uns nicht einfach zu. Eine sehr gute und einfache Methode, Zugang zu den Gründen zu finden, warum ein Mensch seine energetischen Muster und seinen Schmerz erzeugen muss, besteht darin, seine Hand auf die am stärksten betroffene Stelle zu legen und simpel zu warten, was sie wohl zu erzählen hat. Wenn man dabei nicht zwanghaft etwas zu erfahren sucht sondern offen bleibt für unerwartete und spannende Geschichten, wird man sich oftmals unversehens mitten im Geschehen wieder finden.

So mag beispielsweise bei Schmerzen auf Grund einer übergroßen andauernden Anspannung im unteren Rücken mit einem Schlag klar werden, dass diese kleine und energetische Frau seit früher Kindheit glaubt, dass sie sich in dieser Stelle immer anspannen, quasi sich beständig auf die Hinterbeine stellen muss, um wahr- und ernst genommen zu werden. Bei einem anderen Mann mit chronischen Schwächegefühl im Lendenbereich mag die - unbewusste - Überzeugung vorherrschen, im Leben niemals genügend Unterstützung durch seine Umwelt erfahren zu haben. Bei wieder einer anderen Person mit quälendem Schmerz, der sich akut verschlechtert hat, mag der Berührende die klare Wahrnehmung einer unbändigen Wut haben.
 

Kraft, dem Leben unmittelbar und ganz zu begegnen

Eine elementare Aufgabe des Unteren Wärmers (auf der Körperrückseite gehören der Lenden- und Kreuzbeinbereich dazu, auf der Vorderseite das ganze Hara) lässt sich darin sehen, allen Ereignissen des Lebens unmittelbar und ganz zu begegnen. Das zugrunde liegende Muster in den meisten Fällen von chronischen Schmerzen im unteren Rücken scheint nun der Versuch des Menschen zu sein, in diesem Bereich nicht voll zu leben. Vielmehr versucht er, das Er-Leben und Empfinden dort zu dämpfen oder sogar weitgehend zu vermeiden.

Wird dem Unteren Wärmer nicht gestattet, seine Arbeit zu tun - Angst- und Vermeidungsmuster spielen dabei die größte Rolle - so werden andere Körperzonen in die Bresche springen. So z.B. der Mittlere Wärmer mit den Energien von Erde und Holz, der Brustkorb mit häufig festgehaltenen Emotionen des Feuers und des Metalls und fast immer die Schultern, die ohnehin sehr häufig die Arbeit für alle drei Brennkammern zu machen scheinen.

Das Unlebendig-Werden im unteren Rückens ist als ein beginnender Prozess oft schon bei Kindern im Alter von 3 bis 4 Jahren zu sehen. Dies weist darauf hin, dass sehr frühe kindliche Erfahrungen bzw. mitgebrachte („angeborene") Muster des Erlebens den Kern der Veränderung ausmacht. Sie führt typischerweise langfristig dazu, dass die Lebensenergie aus dem Lendenbereich und dem Unteren Wärmer in die oberen Ersatzbereiche abwandert. Zurück bleibt eine inaktive und geschwächte Zone, die sich nach einer unterstützenden und wärmenden Hand sehnt. Da diese meist ausbleibt, muss sie sich in Muskeln, Bindegewebe und Gelenken verspannen, um eine - reduzierte - Stabilität zu wahren.

Solche Verspannungen können zur Ursache mehr oder weniger starker Schmerzen werden. Im Falle von akut auftretenden „Ischias"-Beschwerden kommt zu dem Grundmuster eine akute Blockade, häufig aus dem Holz-Element mit einer nicht lebbaren Bewegung der Leber-Energie hinzu. Ich vermute, dass der Schmerz nur selten allein durch eine energetische Schwäche oder Leere im unteren Rückens bewirkt wird.
 

Das Lösen der Spannung alleine genügt nicht

Ziel einer effektiven Shiatsu-Behandlung wird es also sein, den Bereich in der Weise zu stabilisieren und harmonisieren, dass einerseits die Spannung als unmittelbare Ursache des Schmerzes nachlässt, andererseits die dieser Spannung zugrunde liegende Unlebendigkeit einem beginnenden Wiedererwachen Platz macht. Letzteres wird nur eintreten, wenn es gelingt, die geschwächten Bereiche wieder in den Fluss des gesamten Rückens zu integrieren.

Das alleinige Lösen der Spannung ist relativ einfach und führt auch häufig zu vorübergehender Linderung der Beschwerden, manchmal sogar völliger Schmerzfreiheit. Für sich alleine und ohne begleitende Aktivierung des „Unlebendigen" kann sie jedoch zu noch größerer Schwäche und damit Gefährdung der Region führen. Die Wiederbelebung ist der eigentliche und u.U. recht langwierige Prozess. Er kann nur von der betreffenden Person selber - mit stimulierender Unterstützung durch seine/n TherapeutIn - in Gang gebracht und durchlaufen werden.

Übrigens bedeutet eine energetische Leere und Erschöpfung im Lendenbereich nur sehr selten, dass die Nieren-Energie dieses Menschen so erschöpft ist, dass er nicht in der Lage wäre, hier wieder Vitalität und Kraft aufzubauen. Es handelt sich vielmehr um eine örtliche Imbalance und Fehlbenutzung des energetischen wie physischen Körpers. Unter günstigen Bedingungen vermag die betroffene Person diese vollständig auszugleichen. Allerdings kann dies einige Zeit, u.U. Jahre in Anspruch nehmen und setzt vor allem den Willen des Betroffenen voraus, wirklich etwas zu ändern. Auch wird es in aller Regel so sein, dass Shiatsu alleine nicht ausreicht. Unser Klient wird früher oder später selber Verantwortung für seinen Rücken übernehmen und dafür aktiv werden müssen.
 

Bandscheibenvorfall - Ursachen aus Sicht der westlichen Schulmedizin

Meiner Meinung nach hat die westliche Schulmedizin den Prozess, der zu Rückenschmerzen führt, bisher nur zum Teil begriffen. Sie versteht den Schmerz im unteren Rücken z.B. als Folge einer Verspannung und Irritation von Muskeln und Bändern, die reichlich in der Region vorhandenen sind und einen Verbund mit Wirbeln und Beckenknochen herstellen. Diese kann hervorgerufen sein durch eine chronische Fehlhaltung (über deren Ursachen man sich wenig Gedanken macht), der Vorwölbung einer überlasteten Bandscheibe oder eine angeborenen anatomischen Besonderheit - z.B. fehlgebildete Wirbel, einem zusätzlichen Lendenwirbel oder sog. Wirbelgleiten.

Bestehen zusätzlich schmerzhafte Ausstrahlungen in die Beine, so wird dies mit der Reizung eines oder mehrerer Spinalnerven erklärt. Sind die Ausstrahlungen ausgeprägt, und gehen sie ggf. mit Störungen der Sensibilität der Haut und Schwäche einzelner Beinmuskeln einher, so wird als Ursache für die Irritation die Einklemmung eines Nerven durch eine hervorquellende Bandscheibe vermutet. Dies wird als Vorwölbung (Protrusio) einer Bandscheibe bezeichnet, bzw. als Bandscheibenvorfall oder Prolaps, wenn die Bandscheibe dabei beschädigt ist und ihr Faserring reißt. (Spinalnerven entstammen dem Rückenmark und ziehen zu den peripheren Strukturen des Körpers. Beim Verlassen der Wirbelsäule müssen sie zwischen zwei Wirbelbögen hindurch treten. An dieser Stelle können sie durch eine austretende Bandscheibe eingeklemmt werden.)

Bandscheibenvorwölbungen, -vorfälle und Nerveneinklemmungen lassen sich auch oft im Computertomogramm der Wirbelsäule nachweisen. Was nicht zu diesem Erklärungsmodell passt, ist die Beobachtung, dass sich nicht selten selbst bei starken Schmerzen keine oder keine nennenswerten Vorfälle und Einklemmungen zeigen.

Andererseits werden mitunter ausgeprägte Vorfälle entdeckt ohne dass größere Schmerzen bestehen. Weiter erklärt das Modell des Prolaps zwar die ausstrahlenden Schmerzen, überzeugt aber nicht hinsichtlich der Erklärung der Schmerzen im Lendenbereich selber.

WirbelkörperDie Manuelle Medizin, die offiziell eine Disziplin der Schulmedizin darstellt, von einflussreichen Kreisen allerdings immer noch nicht anerkannt wird, kennt ebenso wie Shiatsu den Begriff der Blockade. Dieser beschreibt eine ineinander greifende Fehlfunktion von Muskeln, Gelenken, Nerven, Bändern und Bindegewebe und ist als funktioneller Begriff nicht so weit entfernt von der Vorstellung der energetischen Blockade im Shiatsu. Was jedoch im Sinne des schulmedizinischen Körperverständnisses nun eigentlich eine Blockade ausmacht, dazu werden in der manuellen Medizin verschiedene Erklärungsmodelle diskutiert. Keines von ihnen ist bisher als ernsthafte Alternative zu dem mechanistischen Modell einer Nerveneinklemmung anerkannt worden.

Mir erscheint es so, dass ein Bandscheibenvorwölbung/-vorfall nur in relativ wenigen Fällen die unmittelbare Ursache von Schmerzen im unteren Rücken darstellt. Für plausibler (und im Shiatsu brauchbarer) halte ich das im Shiatsu und der TCM propagierte Modell einer energetischen Blockade als Schmerzauslöser. Auf der anderen Seite weist eine nachgewiesene hervortretende Bandscheibe auf eine wahrscheinlich längerfristige energetische Schwächung und ein ernstzunehmendes Ungleichgewicht hin, nicht allein in der Region, sondern im ganzen Menschen.

Was immer die Ursache sein mag, wichtig erscheint mir, dass vor jeder ersten Shiatsu-Behandlung stärkerer chronischer Schmerzen im unteren Rücken eine schulmedizinische Abklärung erfolgt - zumal wenn sie mit Störungen der Sensibilität der Haut und/oder Schwäche einzelner Muskeln der Beine einhergehen. Zum einen kann es sein, dass die betroffene Person intensive Betreuung durch eine/n ÄrztIn/TherapeutIn mit einschlägiger Erfahrung benötigt. Nicht zuletzt sollten diese Kranken jedoch auch aus juristischen Gründen, d.h. zum eigenen Schutz der behandelnden Person weitergeleitet werden. Auch bei einem nachgewiesenen Bandscheibenvorfall können übrigens Shiatsu-Behandlungen durchgeführt werden - und recht erfolgreich sein. Ich meine aber, dass in solchen Situationen die Behandlung erfahrenen TherapeutInnen vorbehalten bleiben sollte. Vor allem bei einer akuten Verschlimmerung chronischer Schmerzen empfehle ich, im Zweifelsfalle nicht zu behandeln, bzw. den Klienten an eine/n erfahrene/n BehandlerIn weiterzuleiten.
 

Die Rückseite hat viele Gesichter

Die eingangs erwähnten energetischen Muster und Lebenserfahrungen, die hinter chronischen Rückenschmerzen stehen können, lassen sich bei offener und aufmerksamer Betrachtung in den verschiedenen Abschnitten der Körperrückseite wieder finden. Der untere Rücken steht dabei mit seinen Beschwerden nicht isoliert da. Oftmals hat die ganze Rückseite des Körpers ihre Einheit verloren und ist in einzelne Abschnitte mit jeweils eigener Geschichte und Dynamik zerfallen. Die Blasen-Energie ist nicht mehr im Fluss, sie beginnt quasi zu „klumpen".

Wenn es gelingt, die auseinander gefallenen Bereiche wieder zu einer gemeinsamen Geschichte finden zu lassen, wird auch der untere Rücken die Möglichkeit haben, seine verlorene Lebendigkeit wiederzuentdecken. Es erscheint nämlich so, als würden Blockaden und weitere Besonderheiten in den anderen Abschnitten es dem unteren Rücken oft erst ermöglichen, sich in seinem festgefahrenen unausgeglichenen Muster zu halten. Dies geht so weit, dass zur Behandlung der Schmerzen im Lendenbereich dieser oftmals gar nicht direkt berührt zu werden braucht (und oft auch nicht berührt werde sollte). Die Wiederherstellung des Flusses der Blasen-Energie durch gezielte Behandlung der auffälligen „anderen Abschnitte" alleine kann - ggf. unter Halten einer Verbindung zur Schmerzzone - die Blockade u.U. lösen und Beschwerden weitgehend lindern.

Jede Region der Körperrückseite steht in einer ganz besonderen Beziehung zum blockierten und geschwächten LWS-Kreuzbein-Bereich. Es lohnt sich, den energetischen Ausdruck einer jeden Region aufmerksam zu betrachten und die darin enthaltene Beziehung zu verstehen, um dann gezielt damit arbeiten zu können.

Im folgenden möchte ich einige typische Muster beispielhaft beschreiben. Ich hoffe, dass dabei die Art der Betrachtung und des Vorgehens verständlich werden. In der Reihenfolge der beschriebenen Bereiche folge ich nicht einfach der Anatomie oder dem Fluss der Blasen-Energie von oben nach unten. Ich möchte vielmehr darauf hinweisen, dass Bedeutung und Zusammenspiel der Zonen uns in jedem Menschen anders und oft scheinbar durcheinander gewürfelt entgegentreten.

 
 
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© Wilfried Rappenecker, geb. 1950 in der Nähe von Köln, ist Leiter der Schule für Shiatsu Hamburg (D-22769 Hamburg, Oelkersallee 33, http://www.schule-fuer-shiatsu.de), Mitbegründer der GSD und Autor zweier Bücher zum Thema Shiatsu. Als Arzt für Allgemeinmedizin arbeitet er dort überwiegend mit Shiatsu.

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