Yi als umfassende Berücksichtigung
Medizin ist Absicht
Josef Viktor Müller


Yi als allumfassende Berücksichtigung umfasst mehrere Bedeutungsebenen.

1., Auf den einzelnen Menschen bezogen bedeutet allumfassende Berücksichtigung auch, dass Pathologie nicht zu sehr individualisiert werden kann. Dies ist besonders dann der Fall, wenn KlientInnen aus Solidarität mit dem Familiensystem erkranken. Daher sollte bei einer Pathologie, die auf keine Behandlung anspricht, das gesamte Feld untersucht werden. Dass Familiengeheimnisse krankmachen können und zu generationsübergreifenden pathologischen Verhaltens- wie Körpermustern führen, ist eine Erfahrung, die aus der familiensystemischen Analyse stammt.

2., Über das Familiensystem hinausgehende Ursachen von Krankheiten betreffen zum einen den sozialen und kulturellen Hintergrund, der sich in Sprichwörtern wie „Prügel ist Liebe“ ausdrückt und den Allmachtsanspruch von Eltern und Älteren über Jüngere in der konfuzianisch-hierarchischen Gesellschaft ausdrückt. Daher hat Sun Si Miao auch formuliert: „Der überragende Arzt behandelt die Gesellschaft.“ Hier besteht die Aufgabe von Therapie Menschen zu helfen, sich von krankmachenden kollektiven Vorstellungen zu befreien und die Begrenzungen von derart vorgegebenen Verhaltensmustern hinter sich zu lassen. Dazu gehören auch Konflikte zwischen sozialen und ethnischen Gruppen. Fokussieren sich BehandlerInnen zu sehr auf individualisierte Pathologien und berücksichtigen nicht die grössere Struktur, in die ihre KlientInnen eingebettet sind, so bleiben dadurch erkrankte Menschen Opfer ihrer Umwelt.

Ein Grund warum die moderne TCM Störungen des Dreifachen Wärmers auf Flüssigkeitspathologien reduziert, ist die Ablehnung von individuellen Erkrankungen in einem durch die KP Chinas gleichgeschalteten Staat. Der Dreifache Wärmer hat einen Namen aber keine Form und steht daher auch in Beziehung zum unsichtbaren umgebenden Feld kollektiver Meinungen, deren Druck man sich nicht einfach beugen kann, wenn man sich als einzigartiges Wesen entwickeln will. Der Dreifache Wärmer als Meridian des Wesentlichen oder des eigenen Wesens muss daher gut ausfiltern, was die Grenzen des persönlichen Reiches passieren darf und was nicht. Er vermittelt nicht nur physische Immunität sondern vielmehr psychische, welche die Vorraussetzung für die körperliche Abwehrkraft darstellt. „Immunität beruht auf Identität“ bedeutet zu wissen, was mit dem eigenen Wesen kompatibel ist und was nicht. Der Punkt Dreifacher Wärmer 17 als Schutzschild gegen den Wind, gegenüber dem unablässigen Druck zur kollektiven Anpassung, repräsentiert beispielhaft diese Ebene von Immunität. Auf der anderen Seite darf Unabhängigkeit nicht zu weit gehen, sie muss gepaart sein mit der Anerkennung, dass Menschen auch in wechselseitiger Beziehung mit ihrer Umwelt stehen.

3., Dies ist eine weitere Ebene von Yi als allumfassende Berücksichtigung, das man modern ökologisches Denken nennen könnte und es spiegelt die daoistische Auffassung von Körper als heilige Landschaft.
 
Die Übereinstimmung von Körper und „Reich“, von Mikrokosmos und Makrokosmos (besser Mesokosmos) wird immer wieder in der daoistischen Literatur betont. Der Körper ist getreues Abbild der ihn umgebenden Landschaft, eine holographische Repräsentation der Erde mit Bergen, Pässen, Flüssen und Meeren. Gleichzeitig spiegelt er in den 5 Wandlungsphasen Zuordnungen auch die Einflüsse der verschiedenen Himmelsrichtungen.

Die daoistischen Feste ermöglichen die jahreszeitliche Anpassung an die klimatischen Umstände, welche rituell durch die Reise des Kaisers im Palast des Lichts, Ming Tang nachvollzogen wurde. Wang Dao, das königliche Dao ist das rituelle Bewohnen der neun Räume dieses Palasts, der auch Haus des Kalenders genannt wurde und ein Abbild des magischen Quadrates darstellt mit der Zahl 5 in der Mitte. Daher heisst eine der daoistischen Hauptschriften über den Körper als Landschaft „das Buch der Mitte“ oder des Zentrums. Hierzu wendet man den Blick nach innen und beleuchtet vom Gipfel des Kopfes aus – genauer vom Punkt Yin Tang, dem dritten Auge – die innere Landschaft und seine Bewohner. Und so erkennt man, dass der Körper eine holographische Abbildung der Welt ist und dass, wer den Körper „regieren“ - vom Herzen aus, dem einzigen Ort, von dem aus Unparteilichkeit möglich ist - auch die Welt regieren kann. Daher wird auch die überragende Stellung des Herzens als Kaiserin zur konkreten Aufforderung das Herz als „Erdorgan“ d.h. als Zentrum zu kultivieren.

AskulapUnternimmt man diese symbolische Reise nach innen und betrachtet sich mit dieser „Nabelschau“, so werden die Parallelen zwischen der „Unordnung“ der Welt und der „Unordnung“ im Körper offensichtlich. Gemäß der daoistischen Körpergeographie gehört alles, was unter dem himmlischen Pfeiler (Ma 25 auf Nabelhöhe) liegt, zur Erde, alles was darüber liegt zum Himmel. Darin spiegelt sich der Äquator, und in der Bewertung der Länder, die darüber und darunter liegen, spiegelt sich auch die Bewertung von Anteilen im Menschen selbst. Alles unter der Gürtellinie des Dai Mai, südlich des Äquators, erfährt in der Regel nur Beachtung als auszubeutendes Reservoir an Rohstoffen. Der Bereich des femininen, dunklen, unberechenbaren Yin, der den Nährboden der Existenz darstellt. Dies zeigt sich auch in der Bewertung der dunklen Nachtseite des Schlafes, gegenüber der hellen Tag-Seite des Oberflächen-Bewusstseins: Träume sind Schäume. In Bezug auf das Bewusstsein hat Freud diese Haltung der Überbewertung von Yang als oben/hell gegenüber Yin als unten/dunkel treffend ausgedrückt: „wo Es (das Unbewusste) war soll Ich (das Bewusste) werden“.

Das Abwerten des femininen Yin-Prinzips äussert sich nur allzu deutlich auf der makrokosmischen Ebene in der zunehmenden Verschmutzung des Wassers. Dementsprechend wird auch der innere Erdboden rücksichtslos ausgebeutet und als Mülldeponie benutzt. Wenn dann der „Ertrag“ aufgrund dieses Verhaltens nachlässt, wird mit künstlicher Befruchtung der inneren Natur auf die Sprünge geholfen, wie mit Kunstdünger der äusseren.

Das künstliche Verlängern des Tages, des hellen Yang-Prinzips, wird ironischerweise dadurch ausgeglichen, dass der Körper unter vermehrtem Licht beginnt Fettdeponien, also Yin-Masse, anzulegen, da er dadurch die Information bekommt, sich im Sommer zu befinden und Vorräte für den Winter anlegen zu müssen. Ständig überbordender Aktivismus führt auf der individuellen Ebene zum Fitnesswahn, wodurch der Körper fortlaufend zur Adrenalinausschüttung stimuliert wird.

Dies gleicht auf der gesellschaftlichen Ebene der Dynamik des ständigen Wirtschaftswachstums, dessen Analogie auf der körperlichen Ebene eigentlich nur das Tumorgeschehen sein kann. Ständiges Wachstum läuft den natürlichen Rhythmen entgegen und ist Vorläufer für den eigenen Untergang.

Durch die Entfremdung vom Körper, der als Ganzes, als Viereck der Erde entspricht, zugunsten des runden Kopfes als Repräsentant des Himmelgewölbes, kann man diese einfachen Analogien nicht mehr erkennen um diese Entfremdung zu fördern. Die technokratische T-CM tut ein Übriges, um diese Entfremdung zu fördern. Statt die Potentiale des Körpers hervorzubringen, die hinter der Pathologie zu entdecken sind, werden standardisierte Krankheiten wie Milz-Schleim wegbehandelt. Aber wie die Chinesen sagen: Statt den Leuten Fische zu verkaufen, sollte man ihnen lehren, wie man fischt. Dem Vorgehen der Medizin entspricht im grossen Massstab das Vorgehen der Weltbank und der „Entwicklungshilfe“, das die Länder unter der Gürtellinie des Äquators immer mehr in Abhängigkeit und die Schuldenfalle treibt.

Wie die Umwelt unter der unerträglichen Belastung des Fortschrittdenkens und des Sozialdarwinismus als Raubtierkapitalismus zusammenbricht, so bricht der Körper unter Leistungsdenken zusammen, das immer stärker Freizeit und Schlafenszeit infiltriert und die künstlich geweckten Bedürfnisse, die aus der Entfremdung von Körper und Bewusstsein entstehen, tun das Übrige, um die Prophezeiung der Hopi Indianer zu erfüllen, die Coppola in seinem Film Koyanisquatsi anschaulich dargestellt hat. Dieser Begriff der Hopi-Sprache bedeutet „Leben in Aufruhr“ oder „Leben aus dem Gleichgewicht“ oder auch „verrücktes Leben, das nach einer anderen Lebensform schreit“. Die Prophezeiung lautet: „Wenn wir wertvolle Dinge aus dem Boden graben, so laden wir die Katastrophe ein.“

Anhand der Entwicklung der Alchemie aus dem Schamanismus über die Schmiedekunst zur Metallherstellung wird deutlich, mit welchem Respekt Bergleute Erze aus dem Mutterschoss der Erde entfernten. Auf welch wackligen, unsicheren, ausgehöhlten Boden wir innerlich wie äusserlich stehen, wenn wir die Erd-Qualität der Wechselseitigkeit ausser Acht lassen, zeigen die Vorbeben eines zusammenbrechenden ökonomischen Systems. Es fusst letztlich auf Gier und Macht durch schonungslose Ausbeutung der vorhandenen Ressourcen. Schon Mo Dse, ein Philosoph aus der Zeit des kämpfenden Reiches sagte: „Begierden gibt es viele, aber Dinge nur wenige“.

Damit die Krise als Chance nutzbar wird als Herausforderung zur Entwicklung neuer Potentiale, muss „Medizin als Absicht“ die Analogie zwischen Körper und „Reich“ ständig im Auge behalten und Menschen den Vorrang von ökologischem Handeln gegenüber ökonomischer Profitgier am eigenen Körper erfahrbar machen. Erfahren Menschen, dass Parteilichkeit im Körper krank macht (Dschuang Dse meint, dass einem kein Organ näher stehen kann als ein anderes, wenn doch alle wechselseitig abhängig sind), so können sie auch besser erkennen, dass freiwilliges Zurückgeben an das feminine Prinzip innen wie aussen kein moralisches Gebet, sondern ein überlebenswichtiges Prinzip darstellt.
 

  Der Beitrag der chinesischen Medizin zu einem derartigen Umdenken soll vom 2. bis 7. September 2012 am Herbstkongress für klassische chinesische Medizin „Die Spaltung von Geist und Materie heilen“ auf dem geschichtsträchtigen Monte Verita in Ascona dargestellt werden (http://www.shiatsu-austria.at/aktuelles/veranstaltung_52.htm)

 
Bildquelle: Andrea Damm (www.pixelio.de)

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© Josef Viktor Müller: Ausbildung in Shiatsu beim Ohashi Institut New York, Studium der Akupunktur am College of Traditional of Acupuncture von J. R. Worsley, TCM Ausbildung bei der AG TCM (D), Fortbildungen in Cranio Sacral und verschiedenen Stilen der klassischen Akupunktur, sowie in transpersonaler Traumarbeit, Inhaber der Ben Shen Schule (www.benshen.ch) in Zürich und Autor von „Den Geist verwurzeln, die Namen der Akupunkturpunkte als Bindestrich der Psychosomatik“.

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