Ein Meridian
- was ist das?
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Unterhalb seiner Oberfläche findet sich an jeder Stelle des Körpers eine Berührungsebene, die leichter als andere Körpertiefen eine direkte Kommunikation mit anderen Bereichen des Körpers und mit dem ganzen Menschen möglich macht. Ich möchte diese Ebene die Kommunizierende Ebene nennen. An verschiedenen Bereichen des Körpers kommt die Hand des Körperarbeiters in unterschiedlicher Tiefe mit ihr in Kontakt. So liegt sie beispielsweise auf der Innenseite des Handgelenkes meist in der Haut oder sehr dicht darunter. Im Bereich von Konzeptionsgefäß 17 meist im Brustbein oder im Bindegewebe dicht davor, so dass eine leichte Berührung den Kontakt bereits herstellt. An anderer Stelle wie z.B. an der Rückseite des Oberschenkels taucht diese Ebene recht tief ab. Hier muss man meist mehrere Zentimeter tief einsinken, um sie zu berühren. Die Kommunizierende Ebene ist sowohl ein physisches als auch ein energetisches Phänomen. Zum einen braucht es einen sehr konkreten physischen Kontakt, das bewusste Berühren einer wahrnehmbaren körperlichen Struktur, z.B. eines Muskels oder einer Faszienschicht, um anzukommen. Andererseits handelt es sich bei dieser Ebene wie bei allen energetischen Phänomenen um einen Raum, der nur betreten werden kann, wenn die behandelnde Person über den konkreten physischen Kontakt hinaus „in Weite" berührt, bzw. selber einen solchen Raum in sich entstehen lässt. Die Hauptmeridiane des Shiatsu sind Teil dieser kommunizierenden Ebene. Wie die Adern eines Blattes stellen sie besondere Übertragungs- und Verbindungswege in dieser Ebene dar. Mit zunehmender Erfahrung (entsprechende Anleitung durch eine/n Lehrerln ist sehr hilfreich) kann die Shiatsu-BehandlerIn diese „dicken" Meridianäste in der Ebene, in der sie liegen, an vielen Stellen genau lokalisieren. Dabei hilft zum einen die Wahrnehmung von Unterschieden
im jeweiligen Körpergewebe, das die Kommunizierende Ebene an dieser Stelle durchdringt.
Dies können z.B. Dichte oder Spannungszustand von Muskeln, Knochen
oder Bindegewebe sein. Solche Unterschiede werden durch den energetischen
Aktivitätszustand des Meridians hervorgerufen. Der Meridian selber
scheint allerdings ein rein energetisches Gebilde zu sein. In wirklichen
Kontakt mit ihm kommt man nur über die Berührung in Weite.
Von einer physischen Warte aus erscheint eine Berührung in Weite als relativ unscharf. Bemerkenswerterweise liegt jedoch gerade in dieser relativen Unschärfe die Möglichkeit, klar zu sehen. Was hier wahrgenommen und berührt werden kann sind die Hauptäste der Meridiane. Nach den Vorstellungen der Fernöstlichen Medizin sind Meridiane Manifestationen jeweils eines energetischen Organs. Von den Hauptmeridianen ausgehend breiten sie sich immer stärker verzweigend im ganzen Körper aus und erreichen mit ihren feinsten Verästelungen letztlich jede Zelle des Körpers. Um Meridiane verstehen zu können, ist es wichtig, das Konzept der (energetischen) Organe zu verstehen. Man unterscheidet 12 verschiedene energetische Organe. Von einer Ausnahme abgesehen (dem „3-fachen Wärmer") tragen diese die Namen anatomisch-physiologischer Organe, mit denen sie in einer besonderen Beziehung stehen wie z.B. Magen, Herz oder Niere. Ihre Bedeutung jedoch geht weit über die Funktion der körperlichen Organe hinaus. Letztlich stellen sie so etwas wie verschiedene Schwingungsebenen dar. Sie durchdringen, verbinden und steuern alle Manifestationsebenen des Lebens wie z.B. die körperlichen, seelischen, geistigen und spirituellen „Körper" des Menschen. Meridiane sind nicht identisch mit dem energetischen Organ, dessen Information sie tragen. Sie sind lediglich Bereiche, in denen deren Schwingungsqualität und -information sich im Körper verstärkt aufbaut, weshalb sie hier auch leichter wahrgenommen und berührt werden kann. Wir müssen davon ausgehen, dass letztlich jede Körperzelle die Informationen aller 12 Schwingungsebenen in sich trägt, ebenso jeder noch so kleine Bereich im seelischen, geistigen oder spirituellen Körper des Menschen. Die Hauptmeridiane sind Hauptstrassen der Informationsübermittlung vom Ganzen zu einzelnen Bereichen des lebendigen Menschen wie auch vom Einzelnen zum Ganzen. Für den Shiatsu-Behandler stellen sie quasi Informationsschnittstellen dar, an denen er sich mittels entspannter Berührung „einklinken" kann und auf unterschiedliche Weise die Informationswege selber und auch die Schwingungsqualität des jeweiligen energetischen Organs zu beeinflussen vermag. Es ist möglich, das energetische Organ an anderer Stelle im Körper über andere energetische Muster als die des Meridians zu erreichen, sogar auf anderen Ebenen, die sich nicht in erster Linie im Körper des Menschen finden. Hier spielt das Wissen um andere Manifestationsorte eines energetischen Organs im Menschen eine wichtige Rolle und vor allem die feine Wahrnehmung von Stimmungsqualitäten „im Raum". Dies soll hier nicht weiter besprochen werden. Auf der körperlichen Ebene sind die Organe in den 3 Brennkammern zu Hause. Das heißt, am deutlichsten drücken sie sich im Rumpf aus und sind dort am einfachsten wahrnehmbar. Obwohl die Organe auch auf den anderen Ebenen der menschlichen Existenz präsent sind, ist ihr Ausdruck im Körper im Shiatsu besonders wichtig, weil Shiatsu unmittelbar mit dem Körper arbeitet. Shiatsu ist eine Körperarbeit. Meridian-Shiatsu ist für mich in erster Linie eine Arbeit mit dem energetischen Organ, eine Arbeit mit Schwingungsebenen. Satter Körperkontakt und ein klarer Geist stellen die Verbindung zu diesen her. Die Arbeit mit dem Meridian stellt eine technische Herangehensweise dar, die uns den Kontakt zur jeweiligen Schwingungsebene erleichtert. Im Shiatsu ist die Meridianarbeit ein technisches Hilfsmittel neben mehreren anderen, allerdings ein wichtiges. Die Arbeit mit Meridianen kann deshalb zu einem wesentlichen Instrument
werden, weil die Informationen des energetischen Organes auch in den
Meridianen transportiert werden. Darin liegt die Bedeutung von Meridian-Shiatsu, die
Bedeutung von therapeutischem Shiatsu generell. Grundsätzlich ist dies nämlich auch in einem
meridianfreien Shiatsu möglich. Meridian-Shiatsu bietet allerdings
eine einfache und elegante Möglichkeit, kontinuierlich mit einer
Schwingungsqualität zu arbeiten und auch weit von einander entfernte
Bereiche des Körpers auf dieser Ebene miteinander zu verbinden. Tiefe und Weite des Meridians Die kontinuierliche Arbeit „auf` einem Meridian (eigentlich müsste es „in" einem Meridian heißen) stellt eine Möglichkeit dar, die Schwingungsebene eines energetischen Organs zu erreichen und zu beeinflussen. Die Beeinflussung geschieht dabei durch einfache Präsenz im Meridian. Eine einfache Berührung reicht aus, spezielle Manipulationen sind nicht erforderlich, sie können die Wirkungen im Gegenteil sogar beeinträchtigen. Dazu genügt es allerdings nicht, physisch an der Körperoberfläche am Ort eines theoretischen Meridianverlaufes zu sein - wenn auch die Kenntnis der theoretischen Verläufe naturgemäß eine wesentliche Voraussetzung für diese Arbeit ist. Es ist wichtig, quasi in den Meridian einzutauchen, was über eine rein körperliche Berührung hinausgeht. Es beinhaltet physische Tiefe und energetische Weite. Physische Tiefe bedeutet, dass die Behandlerin die Tiefe im Körper des Klienten erreicht, in der sie auf Kommunizierende Ebene und Meridian trifft. Wie anfangs beschrieben kann dies an verschiedenen Stellen des Körpers in sehr unterschiedlicher Tiefe sein. Wenn wir im Unterricht diese Tiefe in einer speziellen Übung bewusst aufsuchen, sind die Schüler nicht selten überrascht, wie tief das sein kann! Shiatsu ist immer auch Körperarbeit und die physische Tiefe ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit. Energetische Weite bedeutet, in wirklichen Kontakt mit dem Meridian als einem energetischen Gebilde zu kommen. Wie oben bereits beschrieben setzt dies das Gefühl von Ausdehnung und Weite im Behandler voraus. Wenn man in dieser Weise in einen Meridian eintritt, kann man erfahren, dass Meridiane wirkliche dreidimensionale Gebilde sind. Obwohl eine äußere Begrenzung letztlich nicht existiert, gibt es beim Eintritt in den Meridian einen Punkt, wo man seine spezielle Schwingung zum ersten Mal wahrnimmt - über eine erste deutliche Reaktion auf diese Berührung. Diese Eintrittsstelle scheint von der Aufmerksamkeit des Berührenden abhängig zu sein und es ist möglich, dass sie bei unterschiedlichen Behandlern in unterschiedlicher Tiefe liegt. Für eine zuschauende Person ist sie jedoch deutlich wahrnehmbar. Man könnte sie als die Peripherie des Meridians bezeichnen. Die Peripherie ist Yang und die energetische Reaktion
auf Berührung
an dieser Stelle ist relativ„laut", d. h. recht gut wahrnehmbar.
Sinkt man nun ein wenig tiefer ein, so kommt man auf diese Weise dem
Zentrum zumeist näher. Bleibt der Kontakt rein körperlich,
so wird man das Zentrum trotzdem verfehlen. Man wird körperlich
am richtigen Ort sein und trotzdem nicht da sein. Dies hängt mit
der energetischen Natur eines Meridians zusammen. Der energetische Raum
kann nur betreten werden, wenn Ausdehnung und Weite in der Berührenden
Person quasi als Schlüssel zur Verfügung stehen. Das Zentrum
des Raumes ist Yin und die energetische Reaktion auf eine Berührung
im Zentrum ist nicht selten auffallend ruhig. Kyo und Jitsu - Landschaft eines Meridians Wenn man in einer solchen Aufmerksamkeit dem Verlauf eines Meridians folgt kann man feststellen, dass sowohl der erste Kontakt, die Peripherie, als auch das Zentrum eines Meridians an verschiedenen Stellen sich in sehr unterschiedlicher Tiefe finden und die Reaktionen auf Berührung von sehr unterschiedlicher Art sein können. Der erste Kontakt kann mit der ersten leichten Berührung der Haut oder bereits davor zustande kommen. An anderer Stelle muss man vielleicht tief einsinken, evtl. mehrere Zentimeter tief, bis man eine erste Reaktion wahrnimmt. Zwischen der ersten Reaktion bis zum Zentrum des Meridians kann ein deutlicher Raum liegen, den die behandelnde Person durchschreiten muss. Beide können aber auch so dicht beieinander liegen, dass sie beinahe identisch zu sein scheinen. Die Reaktion auf Berührung kann klar und deutlich sein oder kaum wahrnehmbar bzw. verwaschen. All dies scheint von der energetischen Qualität des Meridians an dieser Stelle (wie auch der des zugrunde liegenden energetischen Organs) abhängig zu sein. In einem tiefen Kyo fallen Erster Kontakt und Zentrum nahezu zusammen. Je stärker sich eine Stelle im Jitsu befindet, desto weiter driften Erster Kontakt und Zentrum auseinander - und in einem ausgeprägten Jitsu kann es wegen der großen Gewebespannung u.U. unmöglich werden, bis in das Zentrum des Meridians zu sinken. Reiht man die Erfahrungen in den aufeinander folgenden Stellen eines Meridians aneinander, so ergibt sich eine Landschaft von Tälern und Hügeln. Grundsätzlich kann man sagen, dass die für die Behandlung wichtigen Punkte im Verlauf eines Meridians sich in aller Regel an den Stellen des stärksten Kyo bzw. Jitsu befinden. Das sind die Stellen, wo die Unterbrechung im Meridianfluss am stärksten ausgeprägt ist. Wenn man diese Beobachtungen liest, denkt manch einer
vielleicht, all diese Wahrnehmungen setzten eine besondere vielleicht übernatürliche
Begabung voraus. Übungen um die Weite zu fördern In der Shiatsu-Ausbildung an unserer Schule für Shiatsu Hamburg
versuchen wir diese Entwicklung mit besonderen Übungen zu unterstützen.
Insbesondere die so genannten Inneren Techniken fördern die Bereitschaft
des Körpers, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Aus diesem Grund
sind im Folgenden vier solcher Inneren Techniken beschrieben: Den ganzen Körper berühren Diese Übung ist ganz einfach - wie alle Inneren Techniken. Das Prinzip ist immer, dass man zunächst einfach einsinkt und berührt, wie man es sonst auch gewohnt ist. Die eigentliche Übung besteht dann darin, die Berührung mit einer bestimmten Vorstellung zu verbinden, die diese spezielle Übung kennzeichnet. Meist ist es leichter, die Vorstellung bei Berührung in Kyo-Stellen einzusetzen, an Jitsu-Stellen ist es etwas schwieriger. So ist es auch in dieser Übung, jedoch kann man sie bei Berührung an jeder Stelle des Körpers durchführen, und man sollte das auch tun. Man stellt sich dann einfach vor, dass diese Berührung nicht nur auf die Stelle wirkt, wo jetzt gerade der Daumen, die Hand oder ein anderes Körperteil anliegen, sondern dass sie weit darüber hinaus bis in den ganzen Körper des anderen Menschen hinein wirkt. Zu Beginn wird es vielleicht nicht so einfach sein,
diese Vorstellung entstehen zu lassen. Wenn es dann aber geht, wird
sich irgend etwas im Körper des Übenden verändert haben.
So, als diese Vorstellung, der ganze Körper werde erreicht, nur
möglich, wenn sich im
Körper des Behandelnden etwas anders anfühlt. Und genau darum
geht es.
So kann es z.B. sein, dass die Schultern der behandelnden Person weiter
werden, dass die Behandlerin sich innerlich weiter und weicher anfühlt,
der Rücken wird vielleicht ein klein wenig gerader, das Becken verändert
seine Position leicht oder der Behandlerin fallen just in diesem Augenblick
etliche Stellen in ihrem eigenen Körper auf, wo sie festhält
und nun das Bedürfnis hat, Ioszulassen. Das ist genau das, worauf
es ankommt: Die entspannte und klare Absicht, durch eine lokale Berührung
den ganzen Körper des Klienten zu erreichen erzeugt im Körper
der Behandlerin des Bedürfnis, die Voraussetzung für eine solche
Berührung zu schaffen. Nämlich weit und weicher zu werden,
an einigen wesentlichen Stellen Ioszulassen und so Raum in sich entstehen
zu lassen. Eine Berührung, die den ganzen Körper berührt,
ist mehr als ein physischer Kontakt. In der körperlichen Berührung
entsteht eine „energetische" Komponente, und diese ist nur
möglich, wenn im Körper der Behandlerin „Raum" entsteht.
Wenn man regelmäßig in den Shiatsu-Behandlungen mit dieser
Vorstellung arbeitet, erkennt der Körper den Zustand, der sich einstellen
möchte, mit jedem Mal ein wenig rascher. Schließlich ist er
so gewohnt, dass der Behandler den Zustand in sich quasi auf Knopfdruck
erzeugen kann. _____________________________________ Dieser Artikel ist einem Buchmanuskript von Wilfried Rappenecker und Meike Kockrick entnommen. Das Buch beschreibt die Verläufe der „Masunaga - Meridiane" und wird voraussichtlich 2003 im ML-Verlag erscheinen. |
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© Wilfried Rappenecker, geb. 1950 in der Nähe
von Köln, ist Leiter der Schule für Shiatsu Hamburg (D-22769
Hamburg, Oelkersallee 33, http://www.schule-fuer-shiatsu.de),
Mitbegründer der GSD und Autor zweier Bücher zum Thema Shiatsu.
Als Arzt für Allgemeinmedizin arbeitet er dort überwiegend
mit Shiatsu. |