Shiatsu bei
Kopfschmerzen
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Die energetischen Muster körperlicher und seelischer Schmerzen sind bei aller möglichen Komplexität des subjektiven Schmerzerlebnisses grundsätzlich sehr einfach. Das ist gut so, denn es erlaubt dem Shiatsu-Therapeuten, die schwierigen Probleme, die unsere Klienten uns u.U. schildern, auf der Ebene des subjektiven Erlebens des Klienten zu belassen. So wird es leichter für uns, nach dem Einfachen und Übersichtlichen Ausschau zu halten, was diesem Erleben zugrunde liegt. Das einfache Grundmuster von Kopfschmerzen besteht darin, dass die freie Verbindung zwischen Kopf und dem Rest des Körpers beeinträchtigt ist. Als Folge davon ist Ki im Kopf gefangen. Meist ist es eine energetische Fülle, die die Schmerzen auslöst - Ki kann hinein aber nicht heraus. Seltener kann auch eine relative Ki-Leere als lokales Muster dem Kopfschmerz zugrunde liegen. Die Shiatsu-BehandlerIn wird also bei Kopfschmerzen immer danach schauen, wo eine Unterbrechung der Verbindung zwischen Kopf und Körper wahrnehmbar ist. Auf diesem Weg beantwortet sie eine von vier wichtigen Fragen in der Kopfschmerz-Behandlung. Diese vier Fragen sind:
Im folgenden möchte ich diese 4 Faktoren der Reihe nach besprechen. 1. Wenn Energie nach oben steigt und blockiert In den meisten Fällen liegt dem Kopfschmerz eine Kraft zugrunde, die Ki nach oben steigen lässt. Die hochsteigende Kraft alleine bewirkt aber noch keine Kopfschmerzen. Da die Voraussetzung für jegliches Schmerzerleben eine Stagnation von Ki ist, muss noch ein Festhalten der Energie hinzukommen, damit Kopfschmerz entstehen kann. Leber und Gallenblase sind die energetischen Organe, welche im Menschen sowohl das Aufsteigen der Energie erzeugen als auch für ihre Kontrolle (Kanalisierung) zuständig sind und durch Überkontrolle eine Blockade bewirken können. Es ist also kein Wunder, dass die meisten Kopfschmerzen mit der aufsteigenden und der kontrollierenden Aktivität von Leber und Gallenblase zusammenhängen und entsprechend im Shiatsu über diese Organe bzw. ihre Meridiane behandelt werden können.
Jedoch besitzen andere Arten des Kopfschmerzes auch andere Charakteristika und weisen damit auf andere involvierte energetische Organe hin. Solche anderen Organe, die ebenfalls mit dem Hochsteigen des Ki und der Stagnation verbunden sein können, sind z.B. die Dreifache Wärmer-, Dickdarm-, Magen- oder die Blasen-Energie (siehe auch weiter unten die Hinweise, die sich in der Lokalisation der Schmerzen finden) ... Diese Yang-Organe bringen das Ki nur in Jitsu-Manier nach oben und verschließen es dort, wenn sie einen Auftrag dazu bekommen. Den erhalten sie von anderen Organen, von Organen, die sich in Not wähnen. Das mag z.B. die Herz-Energie sein, wenn der Mensch sich verletzt oder in Angst fühlt, oder die Energie der Lunge, wenn er das Gefühl hat, dass bestimmte Lebensumstände zu eng und bedrohlich werden u.s.w. Schmerz entsteht immer, um ein bestimmtes Erleben zu vermeiden. Schmerz selber ist (von einigen Ausnahmen abgesehen) Vermeidung. Die Arbeit mit den Organen, die dieses zu vermeidende Gefühl tragen (häufig eine Kyo-Situation), kann darum auch in der Arbeit mit Kopfschmerzen sehr hilfreich sein. Die Orte, wo sich der spezifische Zustand eines solchen energetischen Organs am deutlichsten zeigt, sind nicht selten die Schlüsselpunkte für eine effektive Behandlung der Neigung zu Kopfschmerzen. Dann aber sollte der Blick noch weiter gehen: Denn alle Lebensumstände, Persönlichkeitszüge, Verhaltensweisen, Emotionen, Ernährung und äußere Ereignisse, die den Yang-Aspekt des Holzes, d.h., ein Aufsteigen der Yang-Kraft stimulieren und gleichzeitig die Stagnation im Holz fördern (denn ohne die Stagnation wäre - wie bereits dargelegt - ein vorübergehend aufsteigendes Yang völlig in Ordnung), können theoretisch auch Kopfschmerzen auslösen. Und alle Faktoren, die die Not im Kyo-Organ auslösen, können bei entsprechender Neigung zu Kopfschmerzen den Auftrag dazu auslösen. Alles, was den Menschen ”auf die Palme bringt” (d.h. sein Ki nach oben lenkt) bzw. seine Neigung dazu verstärkt, alles, was ihn ”anheizt” und dabei verkrampfen und festhalten lässt, trägt dann zum Kopfschmerz bei. Z.B. Stress, Zeitmangel, Druck von außen oder von innen, Ernährung, die aufheizt, z.B. zuviel Gebratenes, zuviel Salz, Essig, scharfe Gewürze (letzteres kann u.U. die festgehaltene Situation auch in Bewegung bringen), Mangel an frischem Gemüse und Obst, anheizende Getränke wie z.B. Kaffee, wenn der Mensch aufgrund einer angespannten Lebersituation gerade das nicht verträgt ... Es muss weiter eine Disposition zu Kopfschmerzen vorliegen, sonst wird sich die aufsteigende Aktion an einer anderen Stelle (z.B. den Schultern, den Augen oder den Ohren) zeigen. Disposition bedeutet, dass aus welchen Gründen auch immer es für das innere “System” dieses Menschen von Vorteil sein muss, bzw. eine Lösung bedeutet, Kopfschmerzen zu bekommen. Zuverlässige Informationen über all das finden sich in der Begegnung mit dem Menschen, im Gespräch mit ihm sowie mit seinem Körper, z.B. in der Hara-Diagnose. Zunehmende Erfahrung in der therapeutischen Arbeit mit Shiatsu lässt das Verstehen immer klarer werden.
Letzten Endes ist aus unserer Warte betrachtet der
Entwicklungsprozess des Klienten sogar wichtiger als die so sehr gewünschte
Erlösung
von den Kopfschmerzen. Die Behandlung des akuten Anfalls von Kopfschmerzen Die bisher kurz dargestellten Prinzipien sind vor allem wichtig in der Arbeit mit der Neigung zu Kopfschmerzen, z.B. in den Tagen oder Wochen zwischen den Kopfschmerzattacken. Die differenzierte Arbeit mit den energetischen Organen und ihren Meridianen entsprechend den Informationen aus Begegnung und Körperdiagnose ist ein Schlüssel zu einer Veränderung der Lebenssituation eines Menschen, die dazu führen kann, dass die Neigung zum Kopfschmerz sich verändert. Anders verhält es sich in einem akuten Anfall z.B. von Migräne. Auch hier kann ein derartiges Vorgehen sehr hilfreich sein. Allerdings wird im akuten Kopfschmerz die eher globale Herangehensweise der Meridianbehandlung oft nicht ausreichen, weil sie den eigentlichen Ort der Schmerzen und seine schwingende Beziehung zum ganzen Körper nicht direkt genug anspricht. Die unmittelbare Arbeit mit dem lokalen Beschwerdemuster ist meist Voraussetzung für die erfolgreiche Behandlung einer akuten Kopfschmerzattacke. Ein direktes Shiatsu in diesem Sinne wird möglich mit der Wahrnehmung
der energetischen Stagnations- und Unterbrechungsmuster im näheren
Umfeld der Schmerzen und ihrer unmittelbaren Berührung. Das möchte
ich im Folgenden skizzieren. 2. Wenn Ki sich trennt Ki blockiert nie homogen, sondern erzeugt in seiner Stagnation immer Muster von Fülle und Leere. Die festgefahrene Trennung in Fülle und Leere ist ein Synonym für Stagnation. Allerdings bedeuten anders herum Fülle und Leere allein keineswegs Trennung. Die entgegengesetzten energetischen Pole entstehen und vergehen meistens, indem sie sich aufeinander beziehen. Diese Dynamik ist Ausdruck des pulsierenden Lebens. Trennung, Blockade und Schmerz entstehen, wenn das beständige Entstehen, Vergehen und Sich-Aufeinander-Beziehen quasi erstarrt. In der Trennung geht das, was vorher eins war, getrennte Wege. Andauernde Kyo- und Jitsu-Muster entstehen, weil unterschiedliche Seiten im Menschen, die eigentlich zusammengehören, in gewisser Weise nicht mehr mit einander sprechen möchten. Dies ist ein Prozess, den der betroffene Mensch selber aktiv hervorbringt - in der Regel aus Gründen seiner inneren Balance. Die Erzeugung und Aufrechterhaltung solcher Stagnationsmuster ist dabei energieaufwendig. So wie sie entstanden ist, kann sich eine Stagnation jederzeit auch wieder auflösen. Beispielsweise kann dies geschehen durch Erfahrungen, die ein Mensch macht und die die Trennung überflüssig werden lassen. Ebenso ist eine Auflösung durch Berührung z.B. in einer Shiatsu-Behandlung möglich - durch körperliche Berührung (z.B. mit den Händen) ebenso wie durch Berührung mit der Aufmerksamkeit. In der direkten Arbeit mit energetischen Stagnationsmustern ist die Berührung mit der Aufmerksamkeit mindestens ebenso wichtig - wenn nicht sogar wichtiger - als die körperliche Berührung. Berührung wirkt, indem sie dem betroffenen Menschen eine andere
Lösung für eine bestimmte Lebenskonstellation anbietet als
dieses schmerzhafte und trennende Festhalten. Durch die unmittelbare
und entspannte Anwesenheit der behandelnden Person im Kyo oder im Jitsu
erfahren Blockademuster quasi mehr Raum und damit die Freiheit, wieder
Kontakt zu einander aufzunehmen, wieder miteinander zu reden und zu beginnen,
sich aufzulösen. Dies ist keine hypothetische Möglichkeit,
sondern eine effektive Behandlungsmethode. Hinhören, hinschauen und in die Hand nehmen Wie bei allen körperlich lokalisierbaren Schmerzzuständen ist es auch im Fall von Kopfschmerzen notwendig, sich den Ort der Schmerzen genau beschreiben zu lassen. Wenn möglich sollte die Klientin mit dem Finger dorthin zeigen und den Ort auf 2-3 mm genau lokalisieren. Weiter sollte man sich ebenso genau die Art der Schmerzen schildern lassen, und wann und unter welchen typischen Umständen sie auftreten, des weiteren alle anderen Dinge im Leben dieses Menschen, die wie eingangs beschrieben mit den Kopfschmerzen in Zusammenhang stehen könnten. Diese Informationen sollte man sich auch dann geben lassen, wenn sie zunächst nicht weiter bedeutsam zu sein scheinen. Es ist auch überhaupt nicht nötig, frühzeitig Schlussfolgerungen daraus zu ziehen oder gar das, was man erfahren hat, sofort in ein Handlungskonzept zu formulieren. Zunächst einmal sind wir nichts als Sammler, Sammler von Informationen, die im Laufe der Behandlung bzw. einer Behandlungsserie jede zu einem wertvollen Hinweis für das weitere Vorgehen werden kann, und die zusammen erst das für ein effektives Arbeiten notwendige Bild des Menschen in uns entstehen lassen. Auch kann die Lokalisation des Kopfschmerzes einen
gewissen Hinweis auf das in dieses Muster im besonderen involvierte
energetische Organ geben. So habe ich bereits zuvor den Halbseitenkopfschmerz
als der Gallenblase zugeordnet beschrieben. Ausdruck einer Spannung
in der Leber ist der Kopfschmerz, der sich in der Mitte unter dem Schädeldach zeigt und
ein Gefühl verursachen kann, als würde ein großer Druck
oder Hitze unter dem “Deckel” herrschen. Spannungskopfschmerz,
der sich z.B. wie ein Würgegriff vom Nacken über das Hinterhaupt
nach oben ziehen kann, wird der Energie der Blase zugeschrieben. Es liegt in der Natur des Energetischen, dass diese Zuordnungen keine absoluten Wahrheiten darstellen. Sie können wertvolle Hinweise für die Behandlung bieten, ersetzen jedoch niemals die genaue Betrachtung sowie die sinnlichen Eindrücke, die sich während der Behandlung in der Berührung zeigen. Theorie ist immer nur eine Krücke, sie gibt nur Hinweise, entscheidend für das konkrete Vorgehen im Shiatsu muss meiner Erfahrung nach immer die unmittelbare Wahrnehmung sein.
In diesem Fall geht es darum, zu “sehen”, welche Muster
am Ort der Kopfschmerzen vorliegen. Muster bedeutet dabei, dass der Ort
dem Inneren Auge nicht gleichmäßig homogen erscheint, dass
es vielmehr Unterschiede gibt, Unterschiede z.B. in der Helligkeit, in
der wahrgenommenen Dichte oder Schwere oder in einer der unzähligen
anderen subjektiven Möglichkeiten von Wahrnehmung. Wenn man ein
wenig wartet, werden immer Muster auftauchen, man muss nur erkennen,
dass das Gefundene real ist - und dann damit arbeiten als könne
man es mit den Hände greifen. Das Spiel Mit den wahrgenommenen Unterschieden (die man auch nach Kyo und Jitsu klassifizieren kann, aber nicht muss) kann ich nun gezielt arbeiten. Ich habe an anderer Stelle beschrieben, wie das mit der Reinen Aufmerksamkeit und mit physischer Berührung geschehen kann (siehe Beitrag in “Kyo und Jitsu” von Holger Greinus (Hrg.), Verlag Edition Vitalis 2001). Immer geht es darum, auffällige Bereiche direkt zu berühren und eintretende Veränderungen wahrzunehmen. Oder ich setze Orte gegensätzlicher Qualität miteinander in Verbindung, in Kommunikation. Das sind Angebote, die diese Orte annehmen können oder auch nicht. Wenn sie es tun, wandelt sich die Situation u.U. in wenigen Sekunden. Wenn ich so in den Kopf hineinschaue und unmittelbar berühre, ist es wichtig, dass ich zumindest für die nächsten Augenblicke alles vergesse, was ich jemals über Kopfschmerzen und ihre energetischen Ursachen und Muster gehört oder gelesen habe. Dieser Augenblick gehört alleine dem Schauen und dem Sich-Überraschen-Lassen. Denn jedes Muster, das man entdeckt und dann berührt, ist einzig und noch nie da gewesen. Jede vorgeformte Ansicht darüber, was hier sein sollte oder wahrscheinlich sein wird, schränkt meiner Erfahrung nach die Wahrnehmung und damit die Möglichkeiten dieses Shiatsu drastisch ein. Zum Beispiel kann nach einer alten Unfallverletzung das aktive und deutlich mit dem Kopfschmerz in Verbindung stehende Muster überraschenderweise abseits der alten Bruchlinie liegen, vielleicht nur Millimeter daneben, vielleicht aber auch einige Zentimeter. Man muss eben genau hinschauen. Und man ist sich wie bei allen energetischen Geschichten nie ganz sicher. Immer bleibt ein Rest an Unsicherheit, ob dies wirklich der entscheidende Ort ist, immer bleibt es ein Ausprobieren, ein Experimentieren, Überraschung darüber, wie es weiter geht. Gelegentliches Nachfragen beim Klienten bringt oft Klarheit. In solch einer Berührung können sich die vorgefundenen Muster rasch verändern. Es braucht eine hohe Aufmerksamkeit, um den Veränderungen zu folgen. Dabei wird man belohnt mit immer neuen Entdeckungen und Möglichkeiten des Verstehens. Nachdem das Zentrum der Kopfschmerzen sich für mein “Auge” mehr oder weniger stark verändert hat, schaue ich nun in die nähere Umgebung, schaue, welche Auffälligkeiten für das Innere Auge sich dort als Kommunikationspartner für das Muster im Zentrum anbieten. Ich verbinde gefundene Bereiche mit meiner Aufmerksamkeit und mit meinen Händen, lasse dadurch Räume entstehen, taste, spiele, probiere aus, lasse Bewegungen zu, kleine, kaum wahrnehmbare unter meinen Fingern oder größere, die den ganzen Kopf in Bewegung setzen. Ich weiß nie, was als nächstes geschehen wird, immer ist es Neuland, immer etwas noch nie da gewesenes und immer bin ich aktiv beteiligt. Es ist dies das Spiel, das jenem Ort mehr Freiheit und Weite, neue Möglichkeiten anbietet, das der Stärke und der Kraft dieses Menschen die Möglichkeit gibt, sich neu zu orientieren und zu zeigen. |
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© Wilfried Rappenecker, geb. 1950 in der Nähe
von Köln, ist Leiter der Schule für Shiatsu Hamburg (D-22769
Hamburg, Oelkersallee 33, http://www.schule-fuer-shiatsu.de),
Mitbegründer der GSD und Autor zweier Bücher zum Thema Shiatsu.
Als Arzt für Allgemeinmedizin arbeitet er dort überwiegend
mit Shiatsu. |