Shiatsu aus
der Sicht der Psychotherapie (1)
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Ein entscheidender Ansatz der psychoanalytischen Entwicklungstheorie Freuds war die klinische Ableitung, dass die frühe kindliche Entwicklung in einem bis dahin kaum geahnten Ausmaß die Basis unseres späteren Lebens bildet und unsere spätere Entwicklung determiniert – ihre Möglichkeiten, aber auch ihre Problemstellungen und Fehlentwicklungen. Mit Freud und seinen Nachfolgern wurden erstmals die frühkindlichen Erfahrungen als Keimzelle der späteren Entwicklung ins Zentrum wissenschaftlicher Aufmerksamkeit gestellt. Grundtenor des Verständnisses in der Frühzeit der psychoanalytisch
orientierten Entwicklungstheorie war die Vorstellung, dass die Entwicklung
des Kindes von einem ursprünglich undifferenzierten Zustand, in
dem unser späteres Sein nur als Potential angelegt ist, sich hin
zu mehr und mehr Differenzierung, Komplexität und Reife bewegt.
Die sehr frühen, vor allem körperlich determinierten Entwicklungsstufen
werden dabei zugunsten reiferer Erlebnis-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen
bewältigt und überwunden. Gelingt dieser Schritt, so erreicht
man ein höheres, komplexeres Organisationsniveau und die früheren,
primitiveren und stärker realitätsverzerrenden Modi sind Vergangenheit
zugunsten größerer Realitätsnähe und Differenzierung. Coenästhetische und diakritische Wahrnehmung Erst etliche Jahre nach Freud, vor allem dann in den Fünfzigerjahren (und schlussendlich bestätigt in der „neuen Säuglingsforschung“), hat sich mehr und mehr das Verständnis ins Bewusstsein der psychoanalytischen Entwicklungstheorie geschoben, dass die Frühzeit des kindlichen Lebens keine unorganisierte Phase unseres Lebens ist, die hinter uns gelassen werden soll und muss. Vielmehr – und hier ist in erster Linie R. Spitz (1945, 1992) anzuführen – ist die frühe Welt des Säuglings auf eine andere Art und Weise organisiert, wird anders erfahren und folgt anderen Kommunikationsweisen. Obwohl die später erworbenen (entwickelten) Wahrnehmungs- und Kommunikationsmodi unsere weitere Entwicklung – zumindest scheinbar – dominieren, begleitet uns unser ursprünglicherer, leibnaher Zugang zur Welt unser ganzes Leben lang und ist – meist unterschwellig – von herausragender, wenngleich vielfach „unsichtbarer“ Bedeutung für unser gesamtes Leben, vor allem für seine „sinnliche“ Fülle.
Eine gute und einfühlsame Bemutterung des Kindes nach seiner Geburt bildet die Grundlage für das Kind, das Trauma seiner Geburt zu überwinden. Die Mutter (oder eine andere nahe und vertraute Bezugsperson) ist es vor allem, die durch ihre Liebe zu ihrem Kind ein positives Klima schafft, das es dem Kind ermöglicht, sich dem Leben und der Welt vertrauensvoll zuzuwenden. Vermittelt wird dieses grundlegende gefühlsmäßige Klima zwischen Mutter und Kind durch eine ganzheitliche Wahrnehmung, die als „coenästhetisch" bezeichnet wird. Im Vordergrund stehen dabei Haut- und Körperkontakt, Schwingung, Rhythmus, Spannung und Entspannung, Körperhaltung, Temperatur und Stimmlage (und damit die glatte Muskulatur und das Autonome Nervensystem, d.h. Sympathikus und Parasympathikus). Die coenästhetische Erlebniswelt tritt nämlich im Laufe unserer
Entwicklung immer mehr gegen die unterscheidende („diakritische“)
Wahrnehmung (mit Betonung der quergestreiften Muskulatur, des Zentralen
Nervensystems, des logischen Denkens und der optischen Wahrnehmung) in
den Hintergrund, bleibt aber dennoch unser ganzes Leben lang von entscheidender
Bedeutung – wenn auch oft im Verborgenen. Bei vielen Menschen allerdings,
insbesondere in unserer Gesellschaft, verkümmert diese mehr intuitive
Wahrnehmungswelt, was mit einer inneren, emotionalen und letztlich auch
geistigen Verarmung einhergeht. Gestärkt hingegen wird die Sensibilität,
Veränderungen des Autonomen Nervensystems zu bemerken, zu beachten
und in diese Wahrnehmungsebene einzutauchen beispielsweise durch Fasten,
Dunkelheit, Einsamkeit, Rhythmus, Klang, Atemtechnik, Meditation und
auch Shiatsu. Wärme, Rhythmus und Konstanz als strukturbildende Qualitäten der frühen Entwicklung M. Balint (1970) beobachtete, dass die grundsätzliche Bedürftigkeit des Säuglings in seinen ganz frühen Lebensjahren adäquat befriedigt sein muss, damit die Basis für eine höhere und komplexere Entwicklung gegeben ist. Ist dieser Bereich „aufgefüllt“, so bildet er die Quelle, die Grundlage der späteren Entwicklung und Differenzierung. Ist dieser basale Bereich jedoch defizitär, so fehlt die nötige Grundlage dafür, dass die spätere Entwicklung erfolgreich vonstatten geht. Dieser Ansatz – unter Einbeziehung der Narzissmustheorie von B. Grunberger (1976) – wurde von G. Bartl (1970, 1984) dahingehend ergänzt, dass vor allem drei Qualitäten von entscheidender Bedeutung in der frühen Entwicklung sind, nämlich Wärme, Rhythmus und Konstanz. Wärme: Aus dem schützenden und warmen Universum des Mutterleibs ausgestoßen und in eine – im Vergleich zum Mutterleib – kalte Welt geboren, ist Wärme für das Kind lebensnotwendig. Die adäquate Erfahrung von Wärme (weder Mangel noch Überangebot), die die Mutter (Bezugsperson) aufgrund ihrer Liebe und Zuneigung vermittelt, lässt das Kind zugleich auch emotionale Wärme und Geborgenheit erfahren und bildet die frühe Basis für Vertrauen in die Welt und für Genussfähigkeit im späteren Leben.
Konstanz: Konstanz oder Verlässlichkeit als dritte grundlegende Qualität festigt die Erfahrungen von Wärme und Rhythmus, macht sie im Inneren beständig. Urvertrauen entwickelt sich und bildet die stabile Grundlage der weiteren Entwicklung. Letztlich ermöglicht das Erleben von Beständigkeit, komplexe emotionale Beziehungen (Bindungen) einzugehen und - positiv - zu bewältigen. Diese sehr frühen emotionalen Erfahrungen bilden unseren inneren (basal-narzisstischen) Kern, jene Struktur in uns, die vor allem für die Regulierung unseres Selbstverständnisses und Selbstwertes verantwortlich ist. Zugleich aber bildet dieser innere Kern auch die Basis unseres „körperlichen Selbstverständnisses“, die Art, wie wir uns als Körper erleben und begreifen, und auf diese Art und Weise Zugang zu uns und anderen haben. Erlebt ein Kind also eine (hinlänglich) gute Bemutterung und erfährt
damit adäquat Wärme, Rhythmus und Konstanz, so kann es so seine
Innenwelt auffüllen und formen und hat so die notwendigen Voraussetzungen
für psychische und physische Gesundheit und Ausgeglichenheit erworben,
was man durchaus auch als grundlegende energetische Balance interpretieren
kann. Das Verständnis der modernen Ich-Psychologie Die moderne Ich-Psychologie, wie sie beispielsweise von Blanck & Blanck (1988, 1989) vertreten wird, betont, dass die Entwicklung psychischer Strukturen fortlaufend erfolgt. Jede undifferenzierte Phase wird von einer differenzierten abgelöst, die dann zu einer neuen Integrationsstufe führt. Und jede Integrationsstufe wiederum bildet die Plattform für weitere Differenzierungen. Diese so in einander verwobenen Differenzierungs- und Integrationsprozesse bewirken das Fortschreiten zu immer höheren Ebenen, vom „Leben im Körper“ mehr und mehr zu einem „Leben im Geist“ und vom interpersonellen mehr und mehr zum innerpsychischen Modus. Unzureichende Entwicklungen in einzelnen Phasen oder
Subphasen werden dem kontinuierlichen Organisationsschwung einverleibt,
wodurch dieser Prozess in manchen Fällen schwerwiegend verzerrt wird, oder aber
auch – in anderen Fällen – von ihm mitgeschwemmt. Und
Krankheit beginnt dort, wo der Organisationsprozess in eine abweichende
Richtung zu steuern beginnt, wenngleich spätere Lebensabschnitte
und Lebensverhältnisse die Verzerrungen im Organisationsprozess
entweder verstärken oder auch korrigieren können. Grundlegende Änderungen im Verständnis der frühen Entwicklungsvorgänge durch die neue Säuglingsforschung Neuere klinische Beobachtungen legen die Annahme eines frühkindlichen Selbstempfindens nahe, das sich in „Quantensprüngen" verändert und dabei immer neue Integrationsebenen erreicht. Veränderungen finden dabei auf allen Ebenen statt, vom EEG bis zum beobachtbaren Verhalten und zum subjektiven Erleben, wobei das Kind wie verwandelt wirkt. Diese veränderte „Präsenz" und „soziale Anmutung" lässt sich aber nicht als Summe der neu erworbenen Fähigkeiten erklären. Zwischen solchen Phasen rascher Veränderung liegen relativ ruhige Zeiträume, in denen sich die neuen Integrationen offenbar konsolidieren.
Das auftauchende Selbstempfinden: In der ersten Lebensphase, bis zum etwa 2. oder 3. Lebensmonat, ist ein Selbstempfinden „im Auftauchen begriffen". Der Säugling beginnt, verschiedene Erfahrungen zueinander in Beziehung zu setzen. Seine sozialen Fähigkeiten arbeiten auf die Sicherung sozialer Interaktionen hin. Diese wiederum erzeugen Affekte, Wahrnehmungen, sensomotorische Vorgänge, Erinnerungen und andere kognitive Prozesse. Eine gewisse Integration verschiedener Geschehnisse wird aufgrund angeborener Fähigkeiten geleistet. Rasch entwickelt sich Verbundenheit, und der Säugling nimmt das Auftauchen einer Organisation wahr, das auftauchende Selbstempfinden formt sich heraus. Das Empfinden eines Kern-Selbst beginnt für das Kind zwischen dem 2. und 6. Lebensmonat mit der Wahrnehmung, dass es und die Mutter körperlich getrennt sind, dass jeder für sich handeln kann, jeder sein eigenes affektives Erleben und seine nur ihm eigene Geschichte hat. Das Kind erlebt sich dabei als kohärente physische Einheit mit eigenem Wollen, einzigartigen Affektregungen und eigener Geschichte. Das Empfinden eines subjektiven Selbst beginnt sich zwischen dem 7. und 9. Lebensmonat zu entwickeln. Nun wird die eigene Subjekthaftigkeit und die des Anderen entdeckt. Selbst und Anderer sind nun nicht mehr nur Kern-Entitäten der physischen Gegenwart, des Handelns, Affekts und der Kontinuität, vielmehr umfassen sie jetzt auch subjektive mentale Zustände (Gefühle, Motive, Absichten), die „hinter" den körperlichen Geschehnissen, „hinter" dem Bereich der Kern-Bezogenheit liegen. Das Kind wird fähig einen gemeinsamen Fokus der Aufmerksamkeit zu entwickeln und „innerliche“ Beziehungen zwischen Menschen „abzulesen“. Anderen Personen können Motive und Absichten zugeschrieben werden, und das Kind erkennt, ob diese mit dem eigenen Gefühlszustand übereinstimmen oder nicht. Das Empfinden eines verbalen Selbst entwickelt sich
zwischen dem 15. und 18. Lebensmonat. Diese weitere Perspektive beinhaltet
die Empfindung, dass das Selbst (und auch der Andere) einen Vorrat
an persönlicher
Weltkenntnis und Erfahrung hat und dass dieses Wissen durch Symbole objektiviert
und ausgedrückt werden kann. Das Kind ist nun fähig, Bedeutungen
in Bezug auf das Selbst und die Welt hervorzubringen, die es mit dem
Anderen teilen kann. Und damit ist es in der Lage, das Selbst zu objektivieren,
selbstreflexiv zu sein, Sprache zu verstehen und zu benutzen. Shiatsu als ganzheitliche Methode setzt durch seine Kommunikation, die alle Begegnungsqualitäten umfasst und berührt, sehr tief und umfassend an. Auf der Ebene der früheren, psychoanalytisch-orientierten Theorie kann man von einem Kontakt vor allem auf der coenästhetischen Begegnungsebene sprechen. Wärme, Rhythmus und Konstanz in der Anwendung von Shiatsu haben das Potential Struktur bildend zu wirken und den innersten (basal-narzisstischen) Kern aufzufüllen. Im Sinne der modernen Säuglingsforschung kann man sagen, dass Shiatsu auch die frühen Modi des Selbstempfindens berührt, das Kern-Selbst (etwa in der Wahrnehmung des Körpers und seiner Grenzen) ebenso wie das subjektive Selbst (insbesondere im Bereich der Intersubjektivität, dem „Eintauchen“ der Shiatsu-PraktikerIn in den „Raum“ der KlientIn). Aus der psychoanalytischen Theorie ebenso wie aus
den Erkenntnissen der modernen Säuglingsforschung lässt sich
auch die Wichtigkeit verbaler Bezogenheit verstehen, durch die Erfahrungen
auf der Ebene des Kern-Selbst-Empfindens und des subjektiven Selbst
erfasst, objektiviert und gegebenenfalls auch verarbeitet und ausgedrückt („verbalisiert“)
werden können. _____________________________________ LITERATUR: BALINT, M. - Therapeutische Aspekte der Regression. Die
Theorie der Grundstörung. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1970. |
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© Dr. Eduard Tripp, A-1120 Wien, Schönbrunner-Schloss-Str.
21/8, Tel: +43 (1) 815 91 75, tripp@shiatsu-austria.at (veröffentlicht
im Shiatsu Journal Nr. 34, Sommer/Herbst 2003) |