Am 03. Oktober erfolgte die vierte Aussendung des ÖDS - als Vorbereitung zur Diskussion bei den ÖDS-Tagen rund um die Generalversammlung am 28 und 29. Oktober:

 

FAQ  + „ICH WILL MEHR WISSEN ZUM THEMA ...“

Eine Neustrukturierung des europaweiten „Gesundheitsmarktes“ steht uns bevor. Im Zuge dessen wird es zu Neuregelung der Berufe in den einzelnen EU-Mitgliedsländern kommen.

Wie die Arbeitswelt rund um Gesundheit und Gesunderhaltung in der EU der Zukunft konkret aussehen wird, ist bis jetzt noch nicht fix. Klar ist bisher nur: Wir müssen uns auf ein Wegfallen des gewerblichen Schutzes von Shiatsu einstellen.
 
FAQ:
 
Wenn die neuen EU-Regelungen in Kraft treten, verliere ich dann meinen Job?
Tatsächlich ist die Sorge vieler Shiatsu-Anbieter berechtigt ... Werden die Gewerbe liberalisiert, heißt das, einfach formuliert, Folgendes: Jeder kann Shiatsu anbieten! Egal, ob er/sie einfach einen Wochenendkurs absolviert hat oder eine deutlich professionellere und damit auch kostenintensivere jahrelange Ausbildung.

Klar, dass Erstere(r) viel billiger anbieten kann; am freien Markt ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Nimmt ein Klient oder eine Klientin dann das billigere Angebot wahr (Es darf sich ja in beiden Fällen „Shiatsu“ nennen; wie also sollte man hier unterscheiden können?), ist die Wahrscheinlichkeit, schlecht behandelt zu werden so groß wie die der damit verbundenen Enttäuschung. Der Klient/die Klientin wird sich denken und weitersagen: Shiatsu bringt nichts, ist Scharlatanerie! Ein fatales Szenario für unsere Profession.
 
Wie ist die professionelle Ausübung von Shiatsu derzeit in der EU geregelt?
Für die professionelle Ausübung von Shiatsu gibt es in Europa so viele verschiedene Regelungen wie Mitgliedsländer. Derzeit ist das Recht, Shiatsu auszuüben, abhängig von der Gesetzeslage im jeweiligen Land: von der freien Ausübung über verschiedene Toleranzstufen bis hin zu massiven Einschränkungen, wobei es nur bestimmte, z.B. medizinisch ausgebildete Berufe, ausüben dürfen.

Dasselbe gilt für fast alle CAM (Complementary and Alternative Medicine)-Methoden, so dass es derzeit europaweit 28 verschiedene Regulierungen gibt, ohne jegliche Übereinstimmung hinsichtlich Berufsausbildung, Anerkennung und Regulierung.
 
Wie ist die professionelle Ausübung von Shiatsu derzeit in Österreich geregelt?
Bisher wird Shiatsu in der Aufstellung Komplementärer Methoden des Bundesministeriums für Gesundheit in der Rubrik „körperbezogene, manuelle Methoden“ gelistet. Es gilt bis dato als reglementiertes Gewerbe mit Gesundheitsbezug, reglementiert in der Massage-Verordnung.
 
Worum geht es bei der Neustrukturierung des Gesundheitsbereichs in der EU?
Die EU strebt eine Vereinheitlichung der Gesundheitssysteme ihrer Mitgliedsstaaten an. Dabei zeichnen sich zwei Tendenzen ab, die unsere Arbeitswelt gravierend verändern werden. Erstens: Eine europaweit einheitliche Festlegung der Ausbildungen und Anforderungen.

Dabei geht es einerseits um die Gewährleistung der Niederlassungsfreiheit, also der Möglichkeit, den erlernten Beruf unabhängig von Landesgrenzen in jedem Land Europas auszuüben, und andererseits darum, der europäischen Bevölkerung Zugang zur bestmöglichen Gesundheitsversorgung zu ermöglichen, diese finanzierbar zu machen und Nachhaltigkeit zu erreichen.

Die Basis für die einheitliche Regulierung bildet das „European Qualification Framework“, das dafür sorgen soll, dass es „normierte“ Ausbildungen und Berufsanforderungen auf europaweit gleichem Standard gibt.

Zweitens: Die Tendenz einer Deregulierung, einer Liberalisierung der Gewerbe in den EU-Mitgliedsstaaten, die Wettbewerbsfreiheit ermöglicht und „den Markt“ entscheiden lässt.
 
Welche Vor- und Nachteile bringt die Neustrukturierung den Shiatsu-PraktikerInnen?
Shiatsu als Beruf unabhängig von Landesgrenzen in jedem Land Europas ausüben: Im Sinne der Niederlassungsfreiheit soll dies durch den EU-Kurs der Vereinheitlichung beruflicher Qualifikationen und der Gesundheitssysteme möglich werden. Ein klarer Vorteil.

Auch die Liberalisierung der Berufe begrüßen viele. Hurra, endlich weniger Regelungen? Vorsicht: Verliert Shiatsu den Schutz des gewerblichen Reglements, kann jede(r), ganz egal mit welcher Ausbildung, Shiatsu anbieten. Am freien Markt wird das Qualitätsprodukt neben dem Ramsch angeboten. Und nach welchen Kriterien sollen die Klienten entscheiden?
 
Warum ist Qualitätssicherung durch den Dachverband wichtiger denn je?
Es braucht Strategien, die es uns ermöglichen, Shiatsu in der veränderten Arbeitswelt des europäischen Gesundheitssystems so zu positionieren, dass die neuen Entwicklungen in unserem Berufsfeld nicht zur Zerrüttung unserer beruflichen Existenzgrundlagen führen.

Es braucht einen starken ÖDS, der mit zertifizierten Ausbildungen (mit dem offiziell anerkannten Qualitätssiegel „qualified shiatsu practitioner“) und entsprechender Öffentlichkeitsarbeit für die Qualitätsmarke „Shiatsu“ garantieren kann. Zum Schutz der beruflichen Existenz seiner Mitglieder und für die Sicherheit der KlientInnen.
 
Können wir überhaupt etwas tun, als verhältnismäßig kleiner Player, angesichts des (gesundheitspolitischen) Riesen Europa?
Wir können (und müssen!) uns rechtzeitig auf die Änderungen einstellen, die unweigerlich auf uns zukommen. Auch hier ist ein starker ÖDS gefragt, der fundiert informiert und als Sprachrohr die Mitglieder-Interessen vertritt.

Was wir tun können, hängt nicht zuletzt auch davon ab, wie gut wir vorbereitet sind auf mögliche Zukunftsszenarien ... Um europaweit etwas zu bewegen, ist Lobbying ein probates Mittel, d.h. in diesem Fall das gemeinsame Vorgehen mit anderen CAM-Anbietern, denn: Eine CAM-Methode allein (wie eben z.B. Shiatsu) hat keine realistische Aussicht auf Berücksichtigung durch die europäischen Behörden. Erst der Zusammenschluss mit anderen, ähnlichen Methoden bringt die Möglichkeit einer Berücksichtigung durch die Gesetzgebung.
 
Wohin bewegt sich das Berufsfeld Shiatsu?
 
Folgende Zukunfts-Varianten sind für den Shiatsu-Beruf denkbar, wenn es im Rahmen der Regulierung des gesamteuropäischen Gesundheitswesens zur Liberalisierung der Gewerbe kommt:
 
- Variante A „Shiatsu goes Gesundheitsbereich“:
Shiatsu wird Methode im Gesundheitsbereich, geht strukturell in die Richtung medizinischer Berufe.

Vorteile:
Höheres soziales Prestige („Hurra, wir sind jetzt Mediziner!“), hochwertige Ausbildung, größere Sicherheit in der beruflichen Ausübung, offener zeigen können, was Shiatsu für Gesundheit zu leisten vermag.

Nachteile:
Umfangreichere Ausbildung mit höheren Kosten und höherem zeitlichen Aufwand (mehr Regulierungen, weniger Freiheit in der Ausbildung, kleinere Schulen können möglicherweise die Anforderungen an die Ausbildungskriterien (Zertifizierungsanforderungen) nicht erfüllen). Pointiert formuliert: „Mehr Investieren, um mit demselben Beruf dann nicht mehr zu verdienen!?“
 
- Variante A + B „Shiatsu goes Schweizer Modell“:
Denkbar ist auch ein „zweistufiges Modell“ in Anlehnung an die KomplementärTherapie in der Schweiz. Dieses Modell umfasst eine „Basisausbildung Shiatsu“ (mit der Möglichkeit, Shiatsu im Wohlfühl-/Wellnessbereich anzubieten) und ein darauf aufbauendes Modul zum „Shiatsu-Therapeuten“ („advanced level“ mit der Möglichkeit, im Gesundheitssystem zu arbeiten).

Gravierender Nachteil dieser Variante ist die Gefahr der Unklarheit bei KlientInnen und Politik, d. h.: wie unterscheidet man in der Praxis AbsolventInnen des basic und des advanced Levels? Es käme zu einer Art Zwei-Klassen-Shiatsu.
 
- Variante B „Shiatsu goes Wellness“:
Shiatsu wird Methode im Wellnessbereich und geht strukturell in Richtung „freie Anbieter“.

Die Situation wäre ähnlich der heutigen Situation, mit dem entscheidenden Unterschied allerdings, dass Shiatsu dann möglicherweise keinen Berufsschutz mehr genießt.

Vorteile:
Jede(r) kann Shiatsu als Beruf unabhängig von Landesgrenzen in jedem Land Europas ausüben.

Nachteile:
Aus Sicht der PraktikerInnen: Auch wer zwei Wochenendkurse gemacht hat, kann Shiatsu anbieten, und das, da ja nicht viel investiert wurde, viel billiger als jene(r), der/die eine jahrelange kostspielige Ausbildung absolviert hat.

Aus Sicht der KonsumentInnen: das billigere Angebot scheint verlockender, wird aber möglicherweise enttäuschend bis – im schlimmsten Fall – schädlich wirken, und der Klient / die Klientin wird sich denken und weitersagen: Shiatsu bringt nichts, ist Scharlatanerie!

Zudem wird, wenn Shiatsu sich von anderen Methoden nicht mehr durch Ausbildungsqualität abhebt, der Konkurrenzdruck durch andere Methoden, für deren Ausübung es nur einer rudimentären Ausbildung bedarf, größer. Ein fatales Szenario für unsere Profession ...
 
 
ICH WILL MEHR WISSEN ZUM THEMA...

... Mögliche Zukunftsszenarien
... Arbeitswelt Shiatsu in Österreich heute
... Arbeitswelt CAM und Shiatsu im „offiziellen Europa“
... Politische Arbeit für Shiatsu in der EU


Warum ist politische Arbeit und Lobbying so wichtig?
Die Politik verwaltet die bürgerlichen Rechte, Freiheiten und Pflichten und bestimmt über die Gesetze, die diese bestimmen. Sie entscheidet damit über die Verteilung von Reichtum, Armut und Macht, wer was machen oder nicht machen darf, um wen man sich kümmert oder um wen nicht.

Demokratische Politik gibt allen Bürgern die Gelegenheit an solchen Entscheidungen mitzuwirken. Nur diejenigen, die das tun, haben die Möglichkeit, das zu erreichen, was wie anstreben. Alle anderen haben keine aktive Möglichkeit, die Zukunft mitzugestalten. Im Allgemeinen neigen Shiatsu- und CAM-PraktikerInnen dazu, der Politik auszuweichen bzw. sie sogar abzulehnen. Teilnahme aber ist (neben anderen Aspekten wie Geld oder auch politischen Fähigkeiten) der entscheidende Faktor, und Lobbying bedeutet die politischen Strukturen zu nutzen, um der eigenen Sache zu dienen.
 
Sprechen wir über die Zukunft! Der ÖDS lädt Euch ein zur Diskussion – im Rahmen der ÖDS-Tage rund um die Generalversammlung am 28. und 29. Oktober 2016 in Wien.
 
Für alle, die sich vorab in die Hintergründe einlesen wollen, hat Dr. Eduard Tripp aus dem Vorstand des ÖDS in „Berufspolitischen Überlegungen“ die notwendigen Infos zusammengefasst, die Interessierte brauchen, um fundiert über die Zukunft der Shiatsu-Arbeitswelt mitzudiskutieren. ... Mehr zum Thema