Am 14. Oktober erfolgte eine weitere, finale Aussendung des ÖDS - als Vorbereitung zur Diskussion bei den ÖDS-Tagen rund um die Generalversammlung am 28 und 29. Oktober:

 

„Berufsbild Shiatsu in der Zukunft“
Der ÖDS lädt ein zur Diskussion

Berufsrechtliche Neuerungen stehen uns bevor. Unter welchen Umständen wir in Zukunft Shiatsu als Beruf ausüben können, hängt wesentlich davon ab, wie gut unsere Möglichkeiten sind, uns rechtzeitig einzustellen auf die Änderungen in unserem Berufsfeld, die vor dem Hintergrund der uns alle betreffenden gesundheitspolitischen Tendenzen in der EU denkbar sind. Worin bestehen die Chancen und Risiken?

Im Rahmen der ÖDS-Tage rund um die Generalversammlung am 28. und 29. Oktober 2016 in Wien werden wir am 28. Oktober über mögliche Zukunftsszenarien unserer Arbeitswelt informieren und diskutieren – unter der Leitung von Dr. Eduard Tripp aus dem Vorstand des ÖDS.

Wir haben Euch in einigen Aussendungen bereits mit zentralen Aspekten der Thematik vertraut gemacht. Hier noch einmal kurz und knapp zusammengefasst die wichtigsten Fakten:

EINE NEUSTRUKTURIERUNG DES EUROPAWEITEN „GESUNDHEITSMARKTES“ STEHT UNS BEVOR. Die EU strebt eine Vereinheitlichung der Gesundheitssysteme ihrer Mitgliedsstaaten an. Dabei zeichnen sich ZWEI TENDENZEN ab:

Erstens: Eine europaweit EINHEITLICHE FESTLEGUNG DER AUSBILDUNGEN UND ANFORDERUNGEN. Dabei geht es einerseits um die Gewährleistung der Niederlassungsfreiheit, also der Möglichkeit, den erlernten Beruf unabhängig von Landesgrenzen in jedem Land Europas auszuüben, und andererseits darum, der europäischen Bevölkerung Zugang zur bestmöglichen Gesundheitsversorgung zu ermöglichen, diese finanzierbar zu machen und Nachhaltigkeit zu erreichen. Die Basis für die einheitliche Regulierung bildet das „European Qualification Framework“, das dafür sorgen soll, dass es „normierte“ Ausbildungen und Berufsanforderungen auf europaweit gleichem Standard gibt.

Zweitens: Die Tendenz einer Deregulierung, einer LIBERALISIERUNG DER GEWERBE in den EU-Mitgliedsstaaten, die Wettbewerbsfreiheit ermöglicht und „den Markt“ entscheiden lässt.


Die Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen lauten:
WAS KÖNNEN WIR TUN, WENN DER GEWERBLICHE SCHUTZ VON SHIATSU WEGFÄLLT (den es derzeit als reglementiertes Gewerbe mit Gesundheitsbezug (reglementiert in der Massage-Verordnung) lt. der Auflistung „Komplementärer Methoden“ durch das Bundesministerium für Gesundheit genießt)?

Und:

WIE GEHEN WIR UM MIT DER VEREINHEITLICHUNG DER AUSBILDUNGSKRITERIEN DURCH EINE EUROPAWEITE NORM.

Damit verbunden ist die zentrale Frage: WELCHEN STELLENWERT KANN/WILL/MUSS SHIATSU ALS BERUF IN ZUKUNFT HABEN?


Halten wir uns noch einmal die VORTEILE UND GEFAHREN DER NEUREGELUNG vor Augen:

KOMMT ES ZU EINER LIBERALISIERUNG DER GEWERBE, WIRD DIE BERUFLICHE AUSÜBUNG VON SHIATSU NUR VOM FREIEN MARKT BESTIMMT. Der Vorteil: weniger Regelungen. Die Gefahr: JEDE(R), GANZ EGAL MIT WELCHER AUSBILDUNG, KANN SHIATSU ANBIETEN, D.H. DIE KONKURRENZ DURCH MINDERQUALIFIZIERTE, BILLIGER ANBIETENDE MITBEWERBER VERSCHÄRFT SICH (Das Problem: Nach welchen Kriterien sollen die Klienten entscheiden, wenn am freien Markt das Qualitätsprodukt neben dem Ramsch quasi „mit demselben Etikett“ angeboten wird?)

KOMMT ES IM ZUGE DES EU-KURSES ZUR VEREINHEITLICHUNG DER GESUNDHEITSSYSTEME, WERDEN DIE AUSBILDUNGSRICHTLINIEN IM GESUNDHEITSBEREICH EINEM GESAMTEUROPÄISCHEN MASSSTAB UNTERWORFEN. Der Vorteil: Im Sinne der Niederlassungsfreiheit kann Shiatsu als Beruf unabhängig von Landesgrenzen in jedem Land Europas ausgeübt werden. Die Gefahr: SHIATSU KÖNNTE ALS NICHT-REGLEMENTIERTE EINZELMETHODE ÜBERHAUPT AUS DEM BEWERTUNGSSYSTEM GESUNDHEITSBEREICHSSPEZIFISCHER AUSBILDUNGEN HERAUSFALLEN und in den Bereich der freien Anbieter „abdriften“. D.h.: Qualitativ nicht vergleichbare Ausbildungswege führen – aus Sicht der KonsumentInnen bzw. der Politik – zu ein und demselben Angebot namens „Shiatsu“

DERZEIT SIND IM EUROPÄISCHEN KONTEXT DREI SZENARIEN ZUR NEUPOSITIONIERUNG VON SHIATSU IM GESPRÄCH:

Variante A:
SHIATSU WIRD ALS METHODE IM GESUNDHEITSBEREICH EINGESTUFT (und geht somit strukturell in die Richtung medizinischer Berufe)
– Vorteile: Höheres soziales Prestige durch anerkannt hochwertige Ausbildung bringt größere Sicherheit in der beruflichen Ausübung und die Möglichkeit offener zeigen können, was Shiatsu für Gesundheit zu leisten vermag.
– Nachteile: Umfangreichere Ausbildung mit höheren Kosten und höherem zeitlichen Aufwand geht einher mit mehr Regulierungen, weniger Freiheit in der Ausbildung und dem Risiko, dass kleinere Schulen die Anforderungen an die Ausbildungskriterien (Zertifizierungsanforderungen) möglicherweise nicht erfüllen können.

Variante B:
SHIATSU WIRD METHODE IM WELLNESSBEREICH (und geht strukturell in Richtung „freie Anbieter“). Die Situation wäre ähnlich der heutigen Situation, mit dem entscheidenden Unterschied allerdings, dass Shiatsu dann möglicherweise keinen Berufsschutz mehr genießt.
– Vorteile: Jede(r) kann Shiatsu als Beruf unabhängig von Landesgrenzen in jedem Land Europas ausüben.
– Nachteile: Wenn Shiatsu sich von anderen Methoden nicht mehr durch Ausbildungsqualität abhebt, wird der Konkurrenzdruck durch andere Methoden, für deren Ausübung es nur einer rudimentären Ausbildung bedarf, größer.

Variante A+B:
SHIATSU WIRD NACH EINEM „ZWEISTUFIGEN MODELL“ (IN ANLEHNUNG AN DIE KOMPLEMENTÄRTHERAPIE IN DER SCHWEIZ) IN BEIDEN BEREICHEN AUSÜBBAR. Dieses Modell umfasst eine „Basisausbildung Shiatsu“ (mit der Möglichkeit, Shiatsu im Wohlfühl-/Wellnessbereich anzubieten) und ein darauf aufbauendes Modul zum „Shiatsu-Therapeuten“ („advanced level“ mit der Möglichkeit, im Gesundheitssystem zu arbeiten).
Nachteil dieser Variante ist die Gefahr einer Art Zwei-Klassen-Shiatsu sowie der Unklarheit bei KlientInnen und Politik, dh.: wie unterscheidet man in der Praxis AbsolventInnen des basic und des advanced Levels?

IN WELCHE RICHTUNG DIE GESAMTEUROPÄISCHE NEUSTRUKTURIERUNG UNSER BERUFSFELD BEWEGEN WIRD, KÖNNEN WIR ALS VERTRETER EINER EINZELMETHODE KAUM BEEINFLUSSEN. Das bedeutet: Es braucht Strategien, die es uns ermöglichen, Shiatsu in der veränderten Arbeitswelt des europäischen Gesundheitssystems so zu positionieren, dass die auf uns zukommenden neuen Entwicklungen in unserem Berufsfeld nicht zur Zerrüttung unserer beruflichen Existenzgrundlagen führen. QUALITÄTSSICHERUNG DURCH DEN DACHVERBAND WIRD WICHTIGER DENN JE.

Es braucht einen starken ÖDS, der mit zertifizierten Ausbildungen (mit dem offiziell anerkannten QUALITÄTSSIEGEL „QUALIFIED SHIATSU PRACTITIONER“) und entsprechender Öffentlichkeitsarbeit für die QUALITÄTSMARKE „SHIATSU“ garantieren kann und im gemeinsamen Vorgehen mit anderen CAM-Anbietern – je mehr ähnliche Methoden sich zusammenschließen, desto größer sind die Möglichkeiten einer Berücksichtigung durch die Gesetzgebung – SPRACHROHRFUNKTION übernimmt.

Dies gilt sowohl hinsichtlich der längerfristigen ENTWICKLUNG IN EUROPA, auf die sich die bis dato veröffentlichten Texte und Mailaussendungen beziehen und die in obiger Zusammenstellung nochmals in knappster Form skizziert sind, als auch für DIE GEGENWÄRTIGEN ENTWICKLUNGEN IN ÖSTERREICH*, durch die sich seit Anfang Sommer – parallel zu unserer Betrachtung der Thematik im gesamteuropäischen Kontext – die „Gewerbefrage“ noch akuter stellt als bisher gedacht.

Sprechen wir darüber!
Der Vorstand des ÖDS freut sich auf eine spannende, konstruktive Diskussion.

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*) Noch bevor es seitens der EU zu einer Liberalisierung der Berufe kommen wird, zeigen sich in Österreich Tendenzen in Richtung einer Vereinfachung im Bereich der Gewerbe. Derzeit werden die reglementierten Gewerbe einer Überprüfung unterzogen. Das Ergebnis dieser Überprüfung könnte die Deregulierung des Massage-Gewerbes (und damit Shiatsu) bringen. Sollte dies eintreten, ist noch offen, ob eine Übergangsregelung (wie z.B. eine Aufschulung zum Medizinischen oder Heilmasseur für derzeit gewerbliche Shiatsu-PraktikerInnen) denkbar werden könnte, oder ob einfach ab dem Stichtag des In-Kraft-Tretens der neuen Verordnung Shiatsu unter die freien Anbieter fällt.