Hikikomori

Hikikomori („sich einschließen“, „gesellschaftlicher Rückzug“) bezeichnet ein zumindest bislang vor allem in Asien auftretendes soziales Phänomen, bei dem sich Menschen vollkommen aus der Gesellschaft zurückziehen. Insbesondere in Japan hat Hikikomori epidemische Ausmaße angenommen und Saito Tamaki zufolge, der auch den Begriff Hikikomori prägte, dürfte es mehr als eine Million Betroffene geben (bei einer Gesamteinwohnerzahl von etwa 127 Millionen). Das japanische Gesundheitsministerium hingegen geht in einer vorsichtigeren Schätzung von nur etwa 50.000 Hikikomori aus.

Definiert werden Hikikomori (der Begriff bezeichnet sowohl das Phänomen als auch die Betroffenen) als Menschen, die sich weigern, das Haus ihrer Eltern zu verlassen, sich in ihre Wohnung oder ihr Zimmer einschließen, aus der Gesellschaft und der Familie zurückziehen und den Kontakt auf ein Minimum (z.B. auf das Internet) reduzieren. In manchen Fällen dauert dieser freiwillige Rückzug über Jahre oder sogar Jahrzehnte, wobei vor allem junge Menschen von diesem Phänomen betroffen sind.1) Das Durchschnittsalter der Betroffenen liegt bei ca. 27 Jahren. Nur etwa ein Drittel von ihnen ist älter als dreißig Jahre.

Junge japanische Erwachsene, so Saito Tamaki, fühlen sich von den hohen Erwartungen, die die Gesellschaft an sie hat, häufig überfordert. In Japan gehen Mutter und Sohn oft eine Art Symbiose (als amae bezeichnet) miteinander ein. Dabei gilt es als völlig normal, dass sich dreißig- bis vierzigjährige Männer immer noch bemuttern lassen. Dazu kommt, dass die Eltern keinen schnellen Einstieg ihrer Kinder in das Berufsleben erwarten. „Irgendwann“, so Saito, „fühlen sich die Kinder als Versager und finden immer schwerer einen Ausweg“. Das sehr fordernde Schulsystem Japans mit unzähligen Prüfungen verschärft die Situation zusätzlich. Zum normalen Unterricht müssen zusätzlich Nachhilfestunden (juku) besucht werden, um die schweren Prüfungen, die „Prüfungshölle“ (shiken jigoku), zu bestehen. Dazu kommt noch der Druck, der von Mitschülern ausgeübt wird, ijime, eine besondere Form des Mobbings.2)

Üblicherweise beginnt Hikikomori mit Versagensangst und damit verbundenem Schulschwänzen. Weitere Schritte auf dem Weg zur vollständigen Isolation mit Rückzug in einen einzigen Raum und Abkapselung von der Umwelt, sind Verlust der Lebensfreude, zunehmende Unsicherheit, Scheu und abnehmende Kommunikationsbereitschaft. Hikikomori verbringen schließlich den Tag mit Schlafen und sind vermehrt nachtaktiv. Nur wenige schaffen es, zumindest nachts ihr Zimmer zu verlasen und nicht die ganze Nacht vor dem Computer oder dem Fernseher zu sitzen.

Wesentliche Faktoren, die Hikikomori begünstigen, sind:

  • die finanzielle Situation: Die wohlhabende Mittelschicht in Japan hat die finanziellen Möglichkeiten, auch ein erwachsenes Kind noch angemessen zu versorgen;
  • die familiären Verhältnisse: Eltern erkennen die beginnende Isolation ihres Kindes nicht oder reagieren nicht angemessen darauf. Dazu kommt die schon erwähnte Mutter-Kind-Beziehung (amae); und
  • die Situation auf dem Arbeitsmarkt: Während sich Arbeiter und Angestellte früher noch auf eine lebenslange Anstellung in ihrer Firma verlassen konnten, sind Berufseinsteiger heute bei ihrer Jobsuche oft erfolglos und die Neuausrichtung des Arbeitsmarktes zwingt zu einer Umorientierung in der bislang traditionellen Lebensweise.

Zur Behandlung von Hikkikomori wurde speziell die so genannte Nido-Therapie entwickelt, die weniger auf die Betroffenen selbst als auf ihr Umfeld abzielt, um ihnen aus ihrer Isolation zu helfen. So wird beispielsweise die Familie darin unterstützt, ihre feindliche Haltung gegenüber dem betroffenen Jugendlichen aufzugeben und die Beziehung langsam und schrittweise wieder zu normalisieren... Die Diagnose und Behandlung beschreibt Samir Al-Adawi von der Sultan-Qaboos-Universität in Maskat (Oman) - in Zusammenarbeit mit japanischen Psychologen - 2005 in der Fachzeitschrift „The International Journal of Psychiatry in Medicine“. Und Noriyuki Sakamoto, japanischer Mitverfasser der Studie, geht davon aus, dass sich das Hikikomori-Syndrom nach und nach ausbreiten wird, auch nach Europa.

Otaku

Michael Manfé von der Universität Salzburg3) sieht im Hikiikomori-Syndrom eine verschärfte Form des Otakismus, der obsessiven Leidenschaft für ein (oftmals virtuelles) Hobby. In Japan gibt es - laut einer Marktforschungsstudie aus dem Jahr 2005 - mindestens 1,7 Millionen Otaku.4) Im Unterschied zu den Hikikomori, die sich in ihren Zimmern räumlich abschotten, schaffen sich die Otaku einen „Rückzugsraum“, in dem sie sich mit maximaler Intensität einem Hobby widmen und dieses zu ihrer einzigen Leidenschaft machen, die ihren Alltag strukturiert.

Mittlerweile jedoch bezeichnet das Wort Otaku weniger ein spezielles Hobby als vielmehr die besondere Art und Weise, diesem nachzugehen. Das Ideal der Otaku ist der Experte, der in seinem eng umgrenzten Interessensgebiet alles kennt und besitzt. Michael Manfé unterscheidet dabei vier Formen des Otakismus:

  • den Puppen-Otaku, der Plastikpuppen im Barbie-Format sammelt und eine Beziehung zu ihnen aufbaut, die der zu realen Personen gleichkommt;
  • den Foto-Otaku, der eine Obsession für erotisch angehauchte Fotos realer Personen in möglichst alltäglichen Posen hat;
  • den Idol-Otaku, einem manischen Verehrer von Stars und Starlets, auf ständiger Suche nach Paparazi-Aufnahmen seiner Idole; und
  • den Manga-Otaku, den Fan japanischer Comics.

Den Unterschied zwischen den Otaku und den Hikikomori charakterisiert Manfé durch Aktivität und Passivität. Während der Hikikomori regelrecht abtaucht, bleibt der Otaku aktiv und lebt in einer durchaus auch kreativen Subkultur.5) Der otakureske Rückzug stellt für Manfé auch keine Flucht, sondern eine bewusste Entscheidung dar, ein Leben in einem utopischen Raum zu führen, in dem der Otaku seine Individualität erfährt - obwohl der Grat zwischen Okatismus und Hikiokomori oftmals sehr schmal ist.

Quellen: Die Zeit 8 / 2005
Gehirn & Geist 6 / 2006
Wikipedia

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[1] Ein Viertel der bis zu 1,2 Millionen Hikikomori haben sich schon seit mehr als fünf Jahren, acht Prozent sogar schon seit mehr als 10 Jahren in ihrem Elternhaus eingeschlossen.
[2] 1996 versuchte die japanische Regierung, den Druck in der Schule etwas zu mindern: Der Samstagsunterricht wurde abgeschafft und der Lehrplan gestrafft, um mehr Raum für Kreativität zu lassen. In der Folge allerdings boomten die härteren Privatschulen und die "Kumon"-Abendschulen, in denen Kindern durch ständiges Wiederholen Schulwissen eingetrichtert wird.
[3] Zitiert nach Gehirn & Geist 2/2006.
[4] Die Lebensform der Otaku hat sich im Zuge der Manga- und Anime-Welle mittlerweile schon über die Grenzen Japans ausgebreitet.
[5] Als 1989 nach einer Serie von brutalen Morden an jungen Mädchen der medienobsessive Täter von Journalisten als „Otaku“ bezeichnet wurde, sahen sich die Otaku plötzlich dem Generalverdacht ausgesetzt, allesamt potentielle Mörder und Serienkiller zu sein - eine negative Konnotation, die sich in Japan bis heute erhalten hat.