Jeder, so Reto U. Schneider (NZZ Folio 12/02), hat das Talent zum Vielfraß und kann seine Fähigkeit zur Völlerei trainieren. Zwei Wege bieten sich dabei an. Zum einen kann man die Signale stimulieren, die das Essen fördern, und zum anderen kann man jene Signale hemmen, die das Essen stoppen. Am besten allerdings ist es, beide Wege zu verfolgen, also möglichst hungrig beginnen und möglichst langsam satt werden.

Fasten, aber nicht zu lange

Lang genug fasten ist ein sicheres Mittel, um den Hunger zu stimulieren. Aufpassen muss man allerdings dabei, weil ein Organismus, der keine Nahrung aufnimmt, nach einer gewissen Zeit seinen Stoffwechsel auf Fettverbrennung umstellt. In dieser Phase nimmt das Hungergefühl zunächst einmal ab. So kann es passieren, dass man zum Abendessen nicht mehr essen kann, wenn man das Mittagessen ausfallen lässt. Wenn man fastet, muss man deshalb lange genug hungern, um den Hunger optimal zu stimulieren.

Grehlin signalisiert dem Gehirn Hunger

Versuchspersonen, denen man eine halbe Stunde vor dem Essen Grehlin injiziert, ein 1999 entdecktes Hormon, das den Appetit regelt, essen durchschnittlich 30 Prozent mehr als Testpersonen ohne zusätzliches Grehlin im Blut.1)

Ewiger Hunger durch einen Eingriff ins Gehirn

Zumindest bei Ratten lässt sich ein nicht kontrollierbarer Hunger durch die Beschädigung des Hypothalamus ventromedialis erreichen. Dieser Bereich des Gehirns empfängt die Sattheitssignale von Magen und Darm.2)

Marihuana regt den Appetit an

Marihuana wurde in Indien schon 300 Jahre vor Christi Geburt als Appetitanreger eingesetzt. Heute weiß man über die Wirkungen von Cannabis (Marihuana), dass es Andockstellen im Hypothalamus gibt, die von Cannabiswirkstoffen besetzt werden und daraufhin Hungergefühle verursachen. V Völlerei muss man trainieren

Kann man vor dem Essen dafür sorgen, dass der Hunger so groß wie möglich ist, so geht es nach dem Beginn des Mahls darum, bis zum letzten Gang hungrig zu bleiben. Training ist hier von besonderer Bedeutung. Auf keinen Fall ist damit bewegungsmäßiges Training gemeint, weil nach sportlicher Aktivität der Appetit sinkt und auch Stunden später nicht größer ist als nach einem Fernsehnachmittag.3) Dasselbe gilt auch für Sauna oder ähnliche Wellness-Aktivitäten.

Training bedeutet vielmehr über mehrere Monate hinweg viel zu essen und dabei mehrmals pro Woche sehr große Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Das führt zu einer Vergrößerung des Magens und da die ersten Sättigungssignale von der Dehnung der Magenwand ausgelöst werden, zu einer größeren möglichen Nahrungsaufnahme.

Möglichst energiedichte Nahrung verzehren

Da die Dehnung des Magens den Hunger beeinflusst, ist es sinnvoll eine möglichst energiedichte Nahrung mit niedrigem Wassergehalt (und damit auf kleinstem Raum zusammengepackte Kalorien) zu sich zu nehmen. Suppen oder wasserhältiges Gemüse führen selbst bei einem großen Magen dazu, dass er schnell gefüllt ist. Fett hingegen kann als erste Wahl angesehen werden, dann Fett hat 9 kcal/g, das ist mehr als doppelt so viel wie bei Eiweiß und Zucker (ca. 4 kcal/g). Alkohol liegt bei 7 kcal/g.

Fett hat, wahrscheinlich ein Erbe unserer Frühzeit, zudem Eigenschaften, die es für uns Menschen nahezu unwiderstehlich machen: Es verstärkt den Geschmack, die Schmackhaftigkeit und spielt eine wichtige Rolle bei der Konsistenz der Speisen, von knusprig bis saftig. Suppen hingegen sind der Feind des Viiefraßes, weil sie reich an Wasser sind und damit weniger dicht an Kalorien.4)

Ein Aperitif vor dem Essen

Alkohol (Martini, Whisky oder ein Cocktail) vor dem Essen hat viele positive Aspekte für das Schlemmen. Zum einen hat Alkohol nur unwesentlich weniger Kalorien als Fett und zum anderen sorgt er dafür, dass man während des Essens langsamer satt wird. Zudem enthemmt er Menschen, die auf ihre Linie achten.

Das Essen sollte schmackhaft sein

Schmackhaftes Essen ist dem Appetit zuträglich. Fades oder verwürztes Essen wird deutlich weniger gegessen als schmackhafte Mahlzeiten.

Abwechslung überwindet die spezifische Sattheit

Mit jedem Bissen nimmt selbst beim optimalen Essen die subjektiv empfundene Schmackhaftigkeit ab - und irgendwann hat man das Essen satt, ein Phänomen, das als spezifische Sattheit bezeichnet wird. Das Gehirn hat sich an den Geschmack dieser Speise gewöhnt und reagiert nicht mehr mit Genuss darauf.

Überwinden lässt sich die spezifische Sattheit durch eine möglichst große Vielfalt der Speisen. Je satter man sich fühlt, desto stärker sollte sich der nächste Gang vom vorhergehenden unterscheiden. Am wirkungsgsvollsten ist der Wechsel von Salzig auf Süß. Doch auch eine unterschiedliche Beschaffenheit der Speisen (z.B. verschiedene Formen derselben Speise) und unterschiedliche Farben helfen, die spezifische Sattheit zu überwinden.

Mehr Angebot bedeutet mehr Essen

Hunger ist ein wesentlicher Grund zu essen, aber nicht der einzige. Wahrscheinlich als Erbe der Evolution essen wir einfach auch, weil Essen da ist - Essen auf Vorrat. Testpersonen, so zeigt sich, essen ein Drittel mehr, wenn die Menge auf ihren Tellern verdoppelt wird oder eine große gefüllte Schüssel auf dem Tisch steht. Es empfiehlt sich, um das Essen zu fördern, also ein Tisch voller Platten, Schüsseln und Schalen. Was immer man serviert, es sollte viel sein.

In entspannter Gesellschaft isst man mehr

In Gesellschaft guter Esser essen Versuchspersonen 25 Prozent mehr, in Gesellschaft schlechter Esser 29 Prozent weniger als alleine. Frauen sollten auch nicht mit einem unbekannten gut aussehenden Mann essen, da dies in Versuchen zu 75 Prozent weniger Nahrungsaufnahme führt. Am vorteilhaftesten wirken sich viele (essfreudige) Freunde und Familienmitglieder am Tisch aus. Dann dauert das Essen lange und die anderen Esser lassen die eigenen Vorsätze und Hemmungen leichter vergessen.

Guten Appetit!