Schon sehr früh in unserem Leben verknüpfen sich Gefühle und Essverhalten. Wenn wir als Säuglinge Nahrung zu uns nehmen - insbondere wenn wir gestillt werden - wirkt eine Fülle affektiver (gefühlsmäßiger) Reize auf uns ein. Was hier beginnt, wirkt sich nachweislich auf unser Essverhalten im Erwachsenenleben aus: Gefühle verändern unser Essverhalten und umgekehrt wirken sich Emotionen auf unser Essverhalten aus.

Gefühle wirken auf das Essverhalten

Die psychologische Forschung beschreibt, wie Dr. Michael Macht, Professor am Institut für Psychologie der Universität Würzburg (Moderne Ernährung 4 / 2005) ausführt, fünf Aspekte, wie Gefühle das Essverhalten beeinflussen:

Emotionale Steuerung der Nahrungswahl

Wohlschmeckende Nahrung lässt uns positive Gefühle erleben und fördert die Nahrungsaufnahme, wohingegen verdorbene Speisen Ekel ausslösen und zu Nahrungsvermeidung führen.

Emotionale Hemmung des Essverhaltens

Intensive Emotionen hemmen das Essverhalten, weil sie mit Reaktionen verbunden sind, die mit der Nahrungsaufnahme nicht vereinbar sind. Starke Angst löst beispielsweise Verhaltenshemmung, Flucht und Vermeidung aus, starker Ärger aggressives Verhalten und starke Trauer Rückzug. Zudem sind intensive Emotionen auch mit physiologischen (gastrointestinalen) Veränderungen verbunden, die hemmend auf das Essverhalten wirken.

Enthemmung gezügelten Essverhaltens

Gefuehle

Unter gezügeltem Essverhalten versteht man ein zeitlich überdauerndes Muster der Nahrungsaufnahme, das vor allem auf eine geringere Energiezufuhr zum Zweck der Gewichtsreduktion oder -konstanz zielt. Emotionen steigern dann, wie auch experimentelle Befunde zeigen, die Nahrungszufuhr, wenn sie den gezügelten Essstil enthemmen. Gezügelt Esser nehmen unter Einwirkung von Gefühlen mehr Nahrungsmittel zu sich als nichtgezügelte Esser.

Emotinskongruente Modulation des Essverhaltens

Freude erhöht die Bereitschaft zur Verarbeitung äußerer Reize und damit auch den Wohlgeschmack von Nahrung. Traurigkeit hingegen führt zu einer verminderten Reizverarbeitung und verändert damit auch den Wohlgeschmack.

Emotional-instrumentelles Essverhalten

Die Theorie des emotionalen Essverhaltens postuliert, dass negative Emotionen durch Essverhalten vermindert oder bewältigt werden können. Nachgewiesen ist bislang, dass negative Emotionen (wie deprimiert, entmutigt, besorgt, angespannt sein oder sich einsam fühlen) das Essverhalten steigern. Inwieweit das Essverhalten die negativen Emotionen vermindert, ist bislang empirisch noch nicht hinreichend untersucht.

Geühle wirken auf das Essverhalten

Die grundlegenden Mechansimen, mittels deren Essen auf Emotionen wirkt, sind assoziativer, sensorischer, energetischer, neurochemischer und pharmakologischer Natur. Wahrscheinlich sind die neurochemischen und pharmakologischen Wirkungen von geringerer Bedeutung für die emotionalen Wirkungen von Lebensmitteln. Wichtiger sind, dem heutigen Wissensstand folgend, wahrscheinlich die so genannt hedonistischen (dem Lustprinzip folgenden; genussfreudigen) Mechanismen.

Assoziative Wirkungen

Nahrungsreize sind mit vielfältigen Vorstellungen verknüpft. Schon Worte und Beschreibungen von Nahrung lösen Assoziationen aus, die zu emotionalen Reaktionen führen. So wird in der modernen Gesellschaft heute z.B. energiereiche Nahrung von vielen Menschen als bedrohlich für ihre (physische) Attraktivität wahrgenommen. Neben sehr stark gesellschaftlich geprägten Assoziationen spielen auch autobiographische Erinnerungen an Esssituationen eine Rolle bei der emotionalen Färbung von Nahrungsmitteln und Essen.

Sensorisch-affektive Wirkungen

Nahrung löst vor allem Geruchs- und Geschmacksempfindungen aus. Experimente mit Babys habem gezeigt, dass süße Geschmacksreize positive affektive Reaktionen auslösen und sehr wirksam Stressreaktionen abschwächen. Dass beispielsweise viele Menschen in schlechter Stimmung ein starkes Verlangen nach Schokolade zeigen, liegt wahrscheinlich, wie Versuche mit Milchschokolade, weißer Schokolade (die keinen Kakau enthält), Kakau und Placebos zeigen, am Geschmack, nicht an den Inhaltsstoffen. Das Verlangen nach Schokolade wird nämlich von Milchschokolade ebenso wirksam befriedigt wie von weißer Schokolade, obwohl weiße Schokolade nicht die Psychostimulantien und Mineralstoffe von Kakau enthält - wohl aber die positiven Geschmacksmerkmale von Schokolade.

Energetische Wirkungen

Eine fundamentale Aufgabe der Nahrungsaufnahme ist es, den Organismus mit lebensnotwendiger Energie zu versorgen. Allein schon die Bereitstellung von Nahrungsmitteln wirkt deshalb verstärkend und das emotionale Befinden ist nach dem Essen gewöhnlich entspannter und angenehmer. Umgekehrt führt eine verminderte Energiezufuhr zu beeinträchtigenden psychischen Veränderungen. Selbst geringe alltägliche Veränderungen der Energiezufuhr erhöhen die emotionale Reaktivität.

Neurochemische Wirkungen

Emotionale Veränderungen durch Nahrungsmittel werden auch auf Veränderungen im Bereich der Neurotransmitter (Botenstoffe der Nervenzellen) zurückgeführt. Kohlenhydratreiche Mahlzeiten beispielsweise führen zu einer erhöhten Tryptophankonzentration an der Blut-Hirn-Schranke und in Folge zu einerm erhöhten Serotoninspiegel im Gehirn, der mit Veränderungen im emotionalen Bereich verbunden sein könnte. Studien zeigen entsprechend auch eine stimmungsverbessernde Wirkung von Mahlzeiten, die reich an Kohlenhydraten sind - dies aber nicht bei allen Menschen, sondern vor allem bei emotional labilen Personen.

Pharmakologische Wikrungen

Emotionale Wirkungen von Nahrungsmitteln können auch auf psychotrop wirksame Inhaltsstoffe zurückzuführen sein. Tatsächlich reicht die Menge an Koffein und Theobromin, die in einer großen Portion Schokolade enthalten ist (mehr als 50 g), aus, um die Stimmung zu verbessern - allerdings erst etwa eine Stunde nach dem Essen.