Erstmals beschrieben wurde Yangsheng („Pflege des Lebens“) im 4. Jhdt. V. Chr. im Buch Zhuangzi des Philosophen Zhuang Zhou. Zu dieser Zeit reichte das Spektrum des Yangsheng weit über das hinaus, was wir heute unter Qigong („Umgang/Arbeit mit dem Qi“) verstehen. Damals wurden zu Yangsheng neben den körperlichen Techniken des Daoyin („Übungen zum Leiten und Dehnen“) auch Alchimie, Arzneimitteltherapie, Diätetik, Massage und sexuelle Techniken gerechnet.

Zen-Shiatsu

Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass die Techniken des Yangsheng daoistischen Ursprungs seien, lassen sich die frühesten Dokumente über Techniken zur Lebenspflege den „Meistern der Techniken“ (fangshi) und „Schamanen“ (wu) zuordnen. Diese praktizierten neben anderen Disziplinen auch Medizin und Magie und widmeten sich dem Streben nach einem langen Leben und der Suche nach Unsterblichkeit. Von diesem Milieu zeugt eine „Inschrift über das Führen des Qi“ (xingqi ming), bei der es sich um die Beschreibung einer Atemtechnik handelt, die in die Zeit der Streitenden Reiche (481 - 221 v. Chr.) datiert wird.

Zu den ältesten archäologischen Funden zur Tradition des Yangsheng gehören die Funde der Mawangdui-Gräber, wo im Grab Nr. 3 der Familie des Marquis von Dai, das auf das Jahr 168 v. Chr. datiert wird, insgesamt fünfzehn Schriften zur traditionellen chinesischen Medizin gefunden wurden. Diese auf Seide und Bambustäfelchen geschriebenen Texte umfassen das gesamte Spektrum der damaligen Heilkunde und reichen von Texten über Diagnostik, die Leitbahnen (Meridiane), chinesische Arzneimittel und Vorläuferverfahren der Moxibustion bis hin zu Übungen zur Pflege des Lebens (Qigong-Übungen, diätetische Maßnahmen, Atem- und sexuelle Techniken). Als frühesten archäologischen Beleg für die Daoyin-Übungen, wie sie auch heute noch ihren Platz im Qigong haben, findet sich unter den Funden ein „Plan der Übungen zum Leiten und Dehnen“ (Daoyin tu). Auf dem 110 x 53 Zentimeter großen Seidenbild sind 44 Figuren in verschiedenen Körperhaltungen mit Bezeichnungen für die jeweiligen Positionen abgebildet.1)

Ein weiterer wichtiger ergänzender archäologischer Fund zu den Übungen des Daoyin stellt der Text „Buch über das Dehnen“ (Yinshu) dar, der 1984 in Zhang Jianshan (Provinz Hubei) gefunden wurde. Der auf das Jahr 186 v. Chr. datierte Fund (Grab 247) besteht aus 103 Bambustäfelchen. Seine Inhalte sind detaillierte Übungsanleitungen, theoretische Anweisungen zu Daoyin, zur Entstehung von Krankheiten und zu Yangsheng – hier vor allem Ratschläge für eine gesunde alltägliche Lebensführung.

Das Yinshu empfiehlt, ergänzend zu den Übungsanleitungen, als Regel zur Lebensführung beispielsweise

  • im Frühling früh aufzustehen und nach der Morgentoilette „das Klare des Taus willkommen zu heißen und das Essentielle des Himmels zu empfangen“;  
  • sich im Sommer häufig zu waschen und viel Gemüse zu essen;  
  • im Herbst beliebig viel zu essen;  
  • im Winter besonders darauf zu achten, dass „die Hände kalt, die Füße warm, das Gesicht kalt und der Körper warm sind“.

Am Anfang des Abschnitts zur Lebenspflege steht das „Dao von Meister Pengzu“, des legendären Patrons der Daoyin-Übungen, der 800 Jahre alt geworden sein soll: „Der Frühling bringt hervor, der Sommer lässt gedeihen, der Herbst sammelt und der Winter speichert“.

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[1] Leider können wegen des angegriffenen Zustandes des Bildes nur 28 der Übungsbezeichnungen rekonstruiert werden. Auch gibt es keinerlei begleitende schriftliche Anleitungen zu den Übungen.
Quelle: Engelhardt. Ute (2003): Die Anfänge des Qigong und ihre Bedeutung für die frühe chinesische Medizin. In: Deutsche Zeitschrift für Akupunktur 4, S. 18.